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Frankfurter Rundschau, Oktober 2002
Spurensuche im Stimmengewirr
Die Berliner Volksbühne präsentiert die Internationale
Mobile
Akademie: "Teil 1: Der Flüchtling. Dienstleistungen an
Unerwünschten"
Von Christian Schlüter
Nicht erst, entweder die Wahrheit zu sagen oder zu lügen,
entscheidet über Leben oder Tod. Ob man immer die Wahrheit
sagen soll? Selbstverständlich soll man das! Doch was heißt
schon Wahrheit, es gibt viele Wahrheiten. Also, wenn ein politisch
Verfolgter hier um Asyl bittet und in ein entsprechendes Verfahren
eintritt, dann wird er den Beamten von seinen beruflichen Erfolgen
erzählen, vielleicht sogar von seinen Reichtümern, die
er sich in seinem Heimatland erworben hat. Er tut dies, um nicht
den Eindruck zu erwecken, er wolle uns zur Last fallen. Nur das
nicht, er hat seinen Stolz, er möchte sich vorteilhaft präsentieren,
er ist fleißig. Meine Aufgabe ist es nun, ihm klar zu machen,
dass diese Wahrheit nicht weiter hilft, im Gegenteil. Ich muss ihn
dazu bringen, von seiner Verfolgung zu sprechen, von Demütigungen,
von Folter, kurzum: von relevanten Anerkennungstatbeständen.
Über diese Wahrheit zu erzählen fällt den Flüchtlingen
zumeist schwer, weil sie schambesetzt ist. Darüber redet niemand
gerne.
Hubert Heinhold, ein seit über 20 Jahren vorwiegend mit Ausländer-
und Asylrecht befasster Rechtsanwalt, berichtet aus seiner täglichen
Praxis. Er sitzt in Haus 3, einem der Häuser in dem furiosen
Bühnenbild von Bert Neumann an der Berliner Volksbühne.
In der Neustadt: Wo sonst Frank Castorfs Der Idiot und René
Polleschs 24 Stunden sind kein Tag gegeben werden, hatte sich am
Freitag die Internationale Mobile Akademie einquartiert.
Gegeben wurde Teil 1: Der Flüchtling. Dienstleistungen an
Unerwünschten, nicht so sehr eine Theaterinszenierung, als
vielmehr eine politische Veranstaltung. Denn es sollte informiert
werden über multinationale Zuwanderung, politische Verfolgung,
staatliche Repression, mafiöse und bürgerkriegsartige
Gewalt, diskriminierende Behandlung... Die Polizisten wollen uns
einschüchtern. Sie duzen uns. Warum eigentlich? Wir kennen
uns doch gar nicht, wir haben nie die gleiche Tür gehütet.
Dann nehmen sie eine Spitzhacke und schlagen Löcher in den
Fußboden. Sie verwüsten die Wohnung. Es ist, als wollte
die Polizei im Nachhinein ihr unmenschliches Auftreten rechtfertigen:
Seht nur, wie ihr wohnt, wie unzivilisiert ihr Wilden doch seit;
nicht mal das Wenige, das wir euch überlassen haben, könnt
ihr in Ordnung halten.
Die Autorin und ehemalige Sprecherin der Bewegung SANS PAPIER,
Madjiguène Cissé, sitzt in Haus 1. Sie studierte Germanistik
und beendete ihr Studium in Saarbrücken. Ihr Vorhaben, in Afrika
als Deutschlehrerin zu arbeiten, musste sie aufgeben. Nicht zuletzt
ökonomische Zwänge ließen sie nach Paris zurückkehren.
Wie viele Einwanderer sieht sie Frankreich als ein liberales Land
an, als Heimat der Menschenrechte. Zunächst mit einer Aufenthaltsgenehmigung
versehen, hat sie mittlerweile, nach einer Gesetzesänderung,
ihren legalen Status verloren. Sie führt das Leben einer so
genannten Illegalen.
Mobile Akademie in der Volksbühne:
Sobald man den großen Theatersaal betritt, beginnt das Stimmengewirr.
Das Publikum drängelt sich in der ausverkauften Veranstaltung.
Es ist schummrig in der Neustadt. Die verschiedenen Schicksale sind
auf die innen erleuchteten Häuser, insgesamt sieben an der
Zahl, verteilt. Die Besetzung wechselt im Stundentakt: Flüchtlinge,
Politiker, Aktivisten, Künstler und Journalisten. Um die Gespräche
hören zu können, wurden am Eingang Kopfhörer ausgegeben.Auf
sieben Funkkanälen übertragen sie das Geschehen aus dem
Inneren der Häuser. Wer will, kann den Protagonisten durch
die Fenster zuschauen oder sich anderswo niederlassen, etwa auf
der großen Freitreppe, die Bert Neumann über die Zuschauerränge
gelegt hat. Das Theater hat sich in eine abendliche Piazza verwandelt.
Bildschirme flimmern, sie zeigen Porträts von Einwanderern,
den Überlebenden einer Katastrophe:
Am 26. Dezember 1996 wurde ein unter maltesischer Flagge segelndes
Fischerboot mit 283 illegalen Flüchtlingen aus Pakistan, Indien
und Sri Lanka von seinem libanesischen Mutterschiff gerammt und
versank vor Sizilien im Mittelmeer. Es ist das größte
mediterrane Massengrab seit dem Zweiten Weltkrieg. Der Unfall wurde
lange Zeit von den Behörden vertuscht.
Die Gruppe Multiplicity hat sich mit ihrem Projekt Solid Sea 01:
Ghost Ship auf Spurensuche begeben. Selbst der aus dem Libanon geflüchtete
Schiffskapitän, sogar ein italienischer Grenzbeamter kommen
zu Wort. Herausgekommen ist eine Videoinstallation. Eine große
Leinwand, dort aufgerichtet, wo im Theater einmal die Bühne
war, zeigt Unterwasseraufnahmen in trüben Blau - Bilder vom
Meeresgrund. Spurensuche, aber ein Wrack ist hier nicht zu entdecken.
Das Elend zeigt sich in seiner ästhetisierten Gestalt. Es ist
eigentümlich abwesend, es ist Kunst geworden. Wie sollte es
sonst auch ein Publikum finden? Wir haben es mit israelischen Kriegsverbrechen
zu tun - das ist ein politisches Statement.
Die Frage nach dem Verhältnis von Politik und Kunst stellt
sich aber nicht, sondern: Wird mein Beitrag in der Hauptsendezeit
gezeigt oder nicht? Mich gibt es im Fernsehen, um aller Welt zu
zeigen, dass Israel eine Demokratie ist. So sieht es der israelische
Filmemacher Eyal Sivan. In Haus 5 erzählt er, der 1985 seine
Heimat verließ und jetzt in Paris lebt, von dem schwierigen
Verhältnis zwischen Kunst und Politik: Ästhetisierung
ist unvermeidlich, doch sie begeht Verrat an der politischen Sache.
Und das gilt auch an der Berliner Volksbühne: Das Theater simuliert
einen öffentlichen Ort. Man spricht miteinander. Das Angebot
ist groß. Alle sind nett. Wer keine Lust mehr hat, verlässt
das Idyll, diesen aufwändig multimedial inszenierten Ort -
ein Simulakrum räsonierender Öffentlichkeit. Und dennoch:
Dass aus dem politischen Statement keine politische Folklore, kein
buntes Einerlei geworden ist, verdankt sich Bert Neumanns Universalstadt
mit ihrem schwerem, aus dem Baumarkt geliehenen Charme. Kein Zweifel.
Copyright © Frankfurter Rundschau 2002
Erscheinungsdatum 21.10.2002
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