18. Oktober 2002, Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin
Der Flüchtling: Dienstleistungen an Unerwünschten
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Frankfurter Rundschau, Oktober 2002

Spurensuche im Stimmengewirr
Die Berliner Volksbühne präsentiert die Internationale Mobile Akademie: "Teil 1: Der Flüchtling. Dienstleistungen an Unerwünschten"
Von Christian Schlüter

Nicht erst, entweder die Wahrheit zu sagen oder zu lügen, entscheidet über Leben oder Tod. Ob man immer die Wahrheit sagen soll? Selbstverständlich soll man das! Doch was heißt schon Wahrheit, es gibt viele Wahrheiten. Also, wenn ein politisch Verfolgter hier um Asyl bittet und in ein entsprechendes Verfahren eintritt, dann wird er den Beamten von seinen beruflichen Erfolgen erzählen, vielleicht sogar von seinen Reichtümern, die er sich in seinem Heimatland erworben hat. Er tut dies, um nicht den Eindruck zu erwecken, er wolle uns zur Last fallen. Nur das nicht, er hat seinen Stolz, er möchte sich vorteilhaft präsentieren, er ist fleißig. Meine Aufgabe ist es nun, ihm klar zu machen, dass diese Wahrheit nicht weiter hilft, im Gegenteil. Ich muss ihn dazu bringen, von seiner Verfolgung zu sprechen, von Demütigungen, von Folter, kurzum: von relevanten Anerkennungstatbeständen. Über diese Wahrheit zu erzählen fällt den Flüchtlingen zumeist schwer, weil sie schambesetzt ist. Darüber redet niemand gerne.

Hubert Heinhold, ein seit über 20 Jahren vorwiegend mit Ausländer- und Asylrecht befasster Rechtsanwalt, berichtet aus seiner täglichen Praxis. Er sitzt in Haus 3, einem der Häuser in dem furiosen Bühnenbild von Bert Neumann an der Berliner Volksbühne. In der Neustadt: Wo sonst Frank Castorfs Der Idiot und René Polleschs 24 Stunden sind kein Tag gegeben werden, hatte sich am Freitag die Internationale Mobile Akademie einquartiert.

Gegeben wurde Teil 1: Der Flüchtling. Dienstleistungen an Unerwünschten, nicht so sehr eine Theaterinszenierung, als vielmehr eine politische Veranstaltung. Denn es sollte informiert werden über multinationale Zuwanderung, politische Verfolgung, staatliche Repression, mafiöse und bürgerkriegsartige Gewalt, diskriminierende Behandlung... Die Polizisten wollen uns einschüchtern. Sie duzen uns. Warum eigentlich? Wir kennen uns doch gar nicht, wir haben nie die gleiche Tür gehütet. Dann nehmen sie eine Spitzhacke und schlagen Löcher in den Fußboden. Sie verwüsten die Wohnung. Es ist, als wollte die Polizei im Nachhinein ihr unmenschliches Auftreten rechtfertigen: Seht nur, wie ihr wohnt, wie unzivilisiert ihr Wilden doch seit; nicht mal das Wenige, das wir euch überlassen haben, könnt ihr in Ordnung halten.

Die Autorin und ehemalige Sprecherin der Bewegung SANS PAPIER, Madjiguène Cissé, sitzt in Haus 1. Sie studierte Germanistik und beendete ihr Studium in Saarbrücken. Ihr Vorhaben, in Afrika als Deutschlehrerin zu arbeiten, musste sie aufgeben. Nicht zuletzt ökonomische Zwänge ließen sie nach Paris zurückkehren. Wie viele Einwanderer sieht sie Frankreich als ein liberales Land an, als Heimat der Menschenrechte. Zunächst mit einer Aufenthaltsgenehmigung versehen, hat sie mittlerweile, nach einer Gesetzesänderung, ihren legalen Status verloren. Sie führt das Leben einer so genannten Illegalen.

Mobile Akademie in der Volksbühne:
Sobald man den großen Theatersaal betritt, beginnt das Stimmengewirr. Das Publikum drängelt sich in der ausverkauften Veranstaltung. Es ist schummrig in der Neustadt. Die verschiedenen Schicksale sind auf die innen erleuchteten Häuser, insgesamt sieben an der Zahl, verteilt. Die Besetzung wechselt im Stundentakt: Flüchtlinge, Politiker, Aktivisten, Künstler und Journalisten. Um die Gespräche hören zu können, wurden am Eingang Kopfhörer ausgegeben.Auf sieben Funkkanälen übertragen sie das Geschehen aus dem Inneren der Häuser. Wer will, kann den Protagonisten durch die Fenster zuschauen oder sich anderswo niederlassen, etwa auf der großen Freitreppe, die Bert Neumann über die Zuschauerränge gelegt hat. Das Theater hat sich in eine abendliche Piazza verwandelt. Bildschirme flimmern, sie zeigen Porträts von Einwanderern, den Überlebenden einer Katastrophe:
Am 26. Dezember 1996 wurde ein unter maltesischer Flagge segelndes Fischerboot mit 283 illegalen Flüchtlingen aus Pakistan, Indien und Sri Lanka von seinem libanesischen Mutterschiff gerammt und versank vor Sizilien im Mittelmeer. Es ist das größte mediterrane Massengrab seit dem Zweiten Weltkrieg. Der Unfall wurde lange Zeit von den Behörden vertuscht.

Die Gruppe Multiplicity hat sich mit ihrem Projekt Solid Sea 01: Ghost Ship auf Spurensuche begeben. Selbst der aus dem Libanon geflüchtete Schiffskapitän, sogar ein italienischer Grenzbeamter kommen zu Wort. Herausgekommen ist eine Videoinstallation. Eine große Leinwand, dort aufgerichtet, wo im Theater einmal die Bühne war, zeigt Unterwasseraufnahmen in trüben Blau - Bilder vom Meeresgrund. Spurensuche, aber ein Wrack ist hier nicht zu entdecken. Das Elend zeigt sich in seiner ästhetisierten Gestalt. Es ist eigentümlich abwesend, es ist Kunst geworden. Wie sollte es sonst auch ein Publikum finden? Wir haben es mit israelischen Kriegsverbrechen zu tun - das ist ein politisches Statement.
Die Frage nach dem Verhältnis von Politik und Kunst stellt sich aber nicht, sondern: Wird mein Beitrag in der Hauptsendezeit gezeigt oder nicht? Mich gibt es im Fernsehen, um aller Welt zu zeigen, dass Israel eine Demokratie ist. So sieht es der israelische Filmemacher Eyal Sivan. In Haus 5 erzählt er, der 1985 seine Heimat verließ und jetzt in Paris lebt, von dem schwierigen Verhältnis zwischen Kunst und Politik: Ästhetisierung ist unvermeidlich, doch sie begeht Verrat an der politischen Sache. Und das gilt auch an der Berliner Volksbühne: Das Theater simuliert einen öffentlichen Ort. Man spricht miteinander. Das Angebot ist groß. Alle sind nett. Wer keine Lust mehr hat, verlässt das Idyll, diesen aufwändig multimedial inszenierten Ort - ein Simulakrum räsonierender Öffentlichkeit. Und dennoch:
Dass aus dem politischen Statement keine politische Folklore, kein buntes Einerlei geworden ist, verdankt sich Bert Neumanns Universalstadt mit ihrem schwerem, aus dem Baumarkt geliehenen Charme. Kein Zweifel.

Copyright © Frankfurter Rundschau 2002
Erscheinungsdatum 21.10.2002