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TAZ, Oktober 2002
Der Aquariumseffekt
Die Internationale Mobile Akademie besetzte die Neustadt in der
Volksbühne mit Gesprächen über Flüchtlinge
Sabine Vogel
............ Das 20. Jahrhundert hat das Phänomen der Massenflucht
geschaffen, seine Gründe und seine Möglichkeiten, die
Auslöser und die Transportmedien. Und der Nationalstaat erfand
die Idee, Ethnien voneinander abzugrenzen, erklärt die Kulturwissenschaftlerin
Eva Horn. Sie spricht mit Joseph Vogl, Professor für Geschichte
und Theorie Künstlicher Welten aus Weimar, über "Topografien
des Politischen" und mit Rechtsanwalt Hubert Heinold über
"Fluchtwege und Biografien".
Brecht zum Beispiel! Schlau, gerissen, niederträchtig, wie
er alles im Stich ließ, um durchzukommen. Auch die Durchkommer
von heute, die den Horror einer bezahlten Flucht mit falschen Papieren
überlebten, die eine neue Biografie erfinden, die Frau und
Kinder daheim unterschlägt - sie sind nicht alle Unschuldslämmer.
"Ich hab nichts zu verlieren, da kann ich doch auch ein wenig
kriminell werden, oder?" Das sind nur ein paar Stimmen der
fast 40 Teilnehmer, die die Neustadt der Volksbühne am vergangenen
Wochenende zur "ErsatzStadt" umdefinierten.
Bei den Expertenrunden rund um die globale Migration spielten Funktionäre,
Politiker, Publizisten, Filmemacher, Medienaktivisten, Kuratoren,
Vertreter von Flüchtlingsräten, Sozialarbeiter und einige
jugendliche Flüchtlinge mit. Insgesamt bestritten sie etwa
20 Talkshows an sechs Schauplätzen in drei Stunden.
Das Konzept der IMA (Internationale Mobile Akademie) unter der
agilen Projektleiterin Hannah Hurtzig will Feldforschung und Theorie
mit Theater, Literatur, Architektur und Aktionismus verbinden. Grenzüberschreitung
ist Methode.
1999 fand unter demselben Label eine Veranstaltung zur "Zukunft
der Arbeit" in Bochum statt. "Das Wort erringen"
nennt Madjiguene Cissé, ehemalige Sprecherin der französischen
Illegalen-Bewegung "Sans papiers", den wichtigsten Erfolg,
gleich nach dem Überleben.
Das genialische Bühnenbild der Neustadt scheint für ein
Durcheinander von parallelen Diskursen wie gemacht. In den sechs
kleinen, mit Tisch, Stühlen und Lampe möblierten Sperrholzbuden
werden keine Theaterszenen dargeboten, sondern Unterhaltungen zwischen
realen Personen. Wenn sich die als Künstlerin bekannte Natascha
Sadr Haghigian als Arbeitslose ausgibt, spielt sie keine fremde
Rolle.
Die künstlerische Inszenierung beschränkt sich auf die
themantische Koordination der Teilnehmer und auf die funktionale
Präsentation ihrer Beiträge. Die gleichzeitigen Gespräche
aus den sechs "Häusern" werden auf sechs Kanälen
der Simultananlage übertragen. Der Besucher bekommt einen Kopfhörer
und ein kleines Kästchen, an dem er zwischen den Kanälen
herumschalten kann, während er sich gleichzeitig zwischen den
Schauplätzen bewegt. Wie in einem großen Aquarium, wo
man nach einiger Zeit den Boden unter den Füßen verliert,
werden die "in echt" stattfindenden Gespräche in
den schalldichten Kabinen zu szenischen Bildern; die Unmittelbarkeit
wird theatralisch.
"Krass" ist die Residenzpflicht, die Flüchtlinge
in ein Kaff in der Provinz verbannt und ihnen das "Menschenrecht
auf Bewegungsfreiheit" verwehrt. "Wie gehst du mit der
Demütigung bei Behörden um?" "Du versuchst freundlich
zu bleiben." "Man geht in den Keller heulen." Die
Authentizität der Akteure vermischt sich mit der dokumentierten
Wirklichkeit auf Filmprojektionen und Videoübertragungen.
"Its great to sit here and talk", sagt der Vertreter der
Flüchtlingsinitiative Brandenburg. Daneben referiert der israelische
Filmer Eyal Sivan über die Ästhetik der Repräsentation
bei der Abbildung des Genozids.
Es kommt zu Interferenzen zwischen Bild und Ton. Die Synchronität
verschiedener Diskurse wird noch gesteigert durch Zappen zwischen
den Kanälen der Wahrnehmung - indem man etwa den Stimmen aus
Haus 4 folgt und dabei die Menschen in Haus 2 betrachtet. Oder die
anderen Besucher, die still in ihre Kopfhörer versunken zusammen
auf den Treppen des Zuschauerrangs sitzen oder im Foyercafé
Kette rauchen oder anderen dabei zusehen.
Warum sind sie hier? Bestimmt nicht nur, um sich über die Genfer
Konvention, die Kriterien für Härtefälle oder die
richtigen Argumentationsstrategien eines Asylbewerbers zu informieren.
Man hat den Eindruck, dass alle Anwesenden in einem zeitgenössischen
Familienstück mitwirken, das Ersatzsolidarität heißt:
"Denen gehts so schlecht und wir sind so gut." Publikum
und Akteure sind dieselben.
Thema der Veranstaltung ist ein öffentliches Nachdenken über
"Dienstleistungen an Unerwünschten". Die direkte
Tat, die Hilfe durch ehrenamtliche Nachhilfestunden von Studenten
für Flüchtlinge etwa, zu der die Betreuerin Traudl Vorbrodt
irgendwie verärgert auffordert, klingt dabei deplatziert. Etwas
ist falsch. Vielleicht nur die Zustimmung des Musikers Christian
von Börries, der den Blick des Fremden "wahnsinnig, extrem
bereichernd, eine Irrsinnschance" findet? Was ist richtig?
Das Unbehagen bleibt unerlöst. Das ist der Aquariumseffekt.
Aber wenn wir uns zusammentun, sind wir keine Opfer mehr
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