18. Oktober 2002, Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin
Der Flüchtling: Dienstleistungen an Unerwünschten
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TAZ, Oktober 2002

Der Aquariumseffekt
Die Internationale Mobile Akademie besetzte die Neustadt in der
Volksbühne mit Gesprächen über Flüchtlinge
Sabine Vogel

............ Das 20. Jahrhundert hat das Phänomen der Massenflucht
geschaffen, seine Gründe und seine Möglichkeiten, die Auslöser und die Transportmedien. Und der Nationalstaat erfand die Idee, Ethnien voneinander abzugrenzen, erklärt die Kulturwissenschaftlerin Eva Horn. Sie spricht mit Joseph Vogl, Professor für Geschichte und Theorie Künstlicher Welten aus Weimar, über "Topografien des Politischen" und mit Rechtsanwalt Hubert Heinold über "Fluchtwege und Biografien".

Brecht zum Beispiel! Schlau, gerissen, niederträchtig, wie er alles im Stich ließ, um durchzukommen. Auch die Durchkommer von heute, die den Horror einer bezahlten Flucht mit falschen Papieren überlebten, die eine neue Biografie erfinden, die Frau und Kinder daheim unterschlägt - sie sind nicht alle Unschuldslämmer. "Ich hab nichts zu verlieren, da kann ich doch auch ein wenig kriminell werden, oder?" Das sind nur ein paar Stimmen der fast 40 Teilnehmer, die die Neustadt der Volksbühne am vergangenen Wochenende zur "ErsatzStadt" umdefinierten.

Bei den Expertenrunden rund um die globale Migration spielten Funktionäre, Politiker, Publizisten, Filmemacher, Medienaktivisten, Kuratoren, Vertreter von Flüchtlingsräten, Sozialarbeiter und einige jugendliche Flüchtlinge mit. Insgesamt bestritten sie etwa 20 Talkshows an sechs Schauplätzen in drei Stunden.

Das Konzept der IMA (Internationale Mobile Akademie) unter der agilen Projektleiterin Hannah Hurtzig will Feldforschung und Theorie mit Theater, Literatur, Architektur und Aktionismus verbinden. Grenzüberschreitung ist Methode.
1999 fand unter demselben Label eine Veranstaltung zur "Zukunft der Arbeit" in Bochum statt. "Das Wort erringen" nennt Madjiguene Cissé, ehemalige Sprecherin der französischen Illegalen-Bewegung "Sans papiers", den wichtigsten Erfolg, gleich nach dem Überleben.

Das genialische Bühnenbild der Neustadt scheint für ein Durcheinander von parallelen Diskursen wie gemacht. In den sechs kleinen, mit Tisch, Stühlen und Lampe möblierten Sperrholzbuden werden keine Theaterszenen dargeboten, sondern Unterhaltungen zwischen realen Personen. Wenn sich die als Künstlerin bekannte Natascha Sadr Haghigian als Arbeitslose ausgibt, spielt sie keine fremde Rolle.
Die künstlerische Inszenierung beschränkt sich auf die themantische Koordination der Teilnehmer und auf die funktionale Präsentation ihrer Beiträge. Die gleichzeitigen Gespräche aus den sechs "Häusern" werden auf sechs Kanälen der Simultananlage übertragen. Der Besucher bekommt einen Kopfhörer und ein kleines Kästchen, an dem er zwischen den Kanälen herumschalten kann, während er sich gleichzeitig zwischen den Schauplätzen bewegt. Wie in einem großen Aquarium, wo man nach einiger Zeit den Boden unter den Füßen verliert, werden die "in echt" stattfindenden Gespräche in den schalldichten Kabinen zu szenischen Bildern; die Unmittelbarkeit wird theatralisch.

"Krass" ist die Residenzpflicht, die Flüchtlinge in ein Kaff in der Provinz verbannt und ihnen das "Menschenrecht auf Bewegungsfreiheit" verwehrt. "Wie gehst du mit der Demütigung bei Behörden um?" "Du versuchst freundlich zu bleiben." "Man geht in den Keller heulen." Die Authentizität der Akteure vermischt sich mit der dokumentierten Wirklichkeit auf Filmprojektionen und Videoübertragungen.
"Its great to sit here and talk", sagt der Vertreter der Flüchtlingsinitiative Brandenburg. Daneben referiert der israelische Filmer Eyal Sivan über die Ästhetik der Repräsentation bei der Abbildung des Genozids.

Es kommt zu Interferenzen zwischen Bild und Ton. Die Synchronität verschiedener Diskurse wird noch gesteigert durch Zappen zwischen den Kanälen der Wahrnehmung - indem man etwa den Stimmen aus Haus 4 folgt und dabei die Menschen in Haus 2 betrachtet. Oder die anderen Besucher, die still in ihre Kopfhörer versunken zusammen auf den Treppen des Zuschauerrangs sitzen oder im Foyercafé Kette rauchen oder anderen dabei zusehen.
Warum sind sie hier? Bestimmt nicht nur, um sich über die Genfer Konvention, die Kriterien für Härtefälle oder die richtigen Argumentationsstrategien eines Asylbewerbers zu informieren. Man hat den Eindruck, dass alle Anwesenden in einem zeitgenössischen Familienstück mitwirken, das Ersatzsolidarität heißt: "Denen geht’s so schlecht und wir sind so gut." Publikum und Akteure sind dieselben.

Thema der Veranstaltung ist ein öffentliches Nachdenken über "Dienstleistungen an Unerwünschten". Die direkte Tat, die Hilfe durch ehrenamtliche Nachhilfestunden von Studenten für Flüchtlinge etwa, zu der die Betreuerin Traudl Vorbrodt irgendwie verärgert auffordert, klingt dabei deplatziert. Etwas ist falsch. Vielleicht nur die Zustimmung des Musikers Christian von Börries, der den Blick des Fremden "wahnsinnig, extrem bereichernd, eine Irrsinnschance" findet? Was ist richtig? Das Unbehagen bleibt unerlöst. Das ist der Aquariumseffekt. Aber wenn wir uns zusammentun, sind wir keine Opfer mehr