Die STILLGESTELLTEN,oder Salle des Pas Perdus

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KAMPNAGEL
Jarrestraße 20, Hamburg

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6. JUNI 2017, 19 Uhr (Premiere)
7. JUNI 2017 18.30 und 21.00 Uhr (vorwiegend auf Englisch)

HAMBURG, Theater der Welt, Kampnagel, Jarrestraße 20
Ticketpreis: 12 Euro / erm. 9 EURO Tickets Kaufen

Mobile Akademie Berlin:
Konzept & Raum: Hannah Hurtzig
Recherche & Dramaturgie: Marian Kaiser
Bühne: Florian Stirnemann
Künstlerische Produktionsleitung : Eva Lämmerzahl
Projektkoordination: Laura Weber
Ton: Lukas Grundmann
Technischer Leiter & Lichtdesign: Andreas Harder
Host*essen: Daniel Chelminiak, Claudia Lomoschitz, Carolin Jüngst, Paula Löffler, Sven-Jan Schmitz
Videodokumentation: Matthias Maercks

Kampnagel:
Dramaturgin Kampnagel: Uta Lambertz
Produktionsleitung Kampnagel: André Huppertz-Teja
Technischer Leiter Kampnagel: Markus Booth
Bühnenmeister Kampnagel: Carsten Wiese

DIE ARENA - Milieu der Toten
Antragsteller: Philipp Ekardt, Petra Gehring, Karin Harrasser
Gutachter: Hartmut Böhme, Christiane Voss
Video: Schauspielerin: Susanne Sachsse, Kamera & Schnitt: Philipp Hochleiter
Simultandolmetscher (7. Juni): Lilian-Astrid Geese, Niels Hamdorf
Die Simultanübersetzung wurde ermöglicht durch die freundliche Unterstützung des PSi-Kongresses "OverFlow".

Das TAROT - Logistik und Legenden
Black Atlantic: Christina Elizabeth Sharpe, Nana Adusei-Poku, Thomas Meinecke
Recherche Black Atlantic: Sarah Lewis-Cappellari
Logistik: Detlev Aßmus, Prof. Carlos Jahn, Ian Karan, Alexander Klose
Festlandsockelkomission: Alexander Lahl, Max Mönch

DER GARTEN - Ecology of the Dead
Regie: Hannah Hurtzig
Darstellung: Vinciane Despret und Marijs Boulogne, Bojana Cvejic Hannah Hurtzig Kobe Matthys  Berno Polzer
Image: Eric Menard

LEINWAND/PROJEKTION - Bildbeschreibung:
Texte: Philipp Ekardt, Petra Gehring, Karin Harrasser, Hannah Hurtzig, Alexander Klose, Marian Kaiser, Sonja Lau, Sibylle Peters
Stimme: Jeanette Spassova
Video: Phillip Hohenwarter
Recherche Bildbeschreibung: Sonja Lau

CASTING - dropdeadgeorgous
Leitung Casting Hamburg: Susanne Sachsse
Leitung Casting Windhoek: Vaginal Davis
Video Trailer & Schnitt Casting: Phillip Hohenwarter
Kamera Casting: Wiktor Filip Gacparski
Maskenbilderinnen Casting: Janine Drost, Jutta Böge
Maske Sachsse: Akira Knightley
In Kooperation mit der namibisch-deutsch-spanischen TV-Produktionsfirma 'dropdeadgorgeous'.

Arena-Bau:
Architekt: Florian Stirnemann
Tribüne und Bühne: Bartmann Berlin
Tragkonstruktion in Stahl: Ertl & Zull
Schienensystem und Vorhang: Gerriets

Die mechanische Arena wurde im Auftrag der Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss gefertigt. 

Mit speziellem Dank an:
Uferstudios Berlin, Barbara Bilabel, Mücke Quinckhardt

Das Meer als Transitraum zwischen Leben und Tod

Eine mechanische Arena, in der die Toten und Lebenden umgehen. Ein Kartenspiel um die Zukunft des Meeresbodens, die Geschichte des Containers und die Gegenwart des Black Atlantic. Ein Casting für Leichendarsteller. Ein DJ-Set für Waterbabies. Eine Kochsendung und ein Leichenschmaus. Willkommen im Wartesaal der verlorenen Schritte.

Es beginnt mit dem Bild eines überladenen Bootes auf dem Mittelmeer. Die Passagiere stehen für die gesamte Überfahrt reglos, die einzelnen Körper bilden zusammen ein Stück solide Fracht, zu viel Bewegung würde das Boot zum Kentern bringen. Das Bild steht am Anfang einer Geschichte der Stillgestellten: Sie erzählt von den auf Sklavenschiffen zur Fracht gemachten Menschen, von der in Containern stillgestellten Zeit für die Waren auf langer Fahrt, von in Stickstofftanks kryokonservierten Menschenpuppen, die auf ihre künstliche Wiederauferstehung warten. Und sie erzählt von der Abwesenheit der Toten unter den Lebenden. Man spricht heute viel über den Tod und noch viel mehr über das Sterben, aber die Toten und Ahnen gehen nicht um. Sie brauchen ein spezielles Milieu, um anwesend abwesend sein zu können, wie es so ihre Art ist. Im Wartesaal der verlorenen Schritte finden sie es. Hier laufen die Bilder und Geschichten der Vergangenheit und Zukunft zusammen, die Former Them (die Lebenden) treffen auf die Future Us (die Toten) und andere Stillgestellte. Die Katastrophe ist immer schon passiert, jetzt tummeln sich alle im Transitraum der Geschichte. Hier herrscht reger Funkverkehr. Im Wartesaal der verlorenen Schritte kann man die Kommunikation auf fünf Radiokanälen verfolgen in einer frei begehbaren und strikt getakteten performativen Installation

Die verschiedenen Szenen sind alle simultan aktiv: Eine mechanisch animierte Arena, ein Garten mit Wasser- und Fernsehberieselung, ein Tarotspiel um die Zukunft des Meeres, die Leichenhalle einer TV-Produktion und ein historisch sendungsbewusster Musikkanal. An den jeweiligen Stationen teilen Expert*innen aus Wissenschaft, Kunst und Wirtschaft ihr Wissen über Logistik, Bathymetrie, Thanatologie, Corpse Acting oder den Black Atlantic. Das Publikum kann sich per Kopfhörer auf fünf Kanälen den einzelnen Sprechakten zuschalten.

Was, wenn das Boot gekentert wäre? Auf welches Territorium sinken Ertrunkene auf offener See? Wir prognostizieren einen kommenden Konflikt: Die gegenwärtige Verteilung des Meeresbodens unter den Nationalstaaten durch die Festlandsockelkommission, die größte Landvergabe, die jemals stattgefunden hat, kollidiert mit einem anderen, älteren Einflussbereich. In der Tiefe des Meeres treffen die fossilen Interessen der Nationalstaaten auf die legendären Territorien der Water Babies, jene Nachfahren schwarzer Frauen, die über Bord der Sklavenschiffe geworfen wurden und lernten, unter Wasser zu atmen.

Die Arena - Das Milieu der Toten

Das Herzstück der Aufführung ist eine mechanisch animierte, spiralförmige Arena, die die Zuschauer*innen und Protagonist*innen abwechselnd ein- und ausschließt und sich in eine Bühne, ein Kino und einen Verhandlungssaal verwandeln kann. In dieser speziellen Architektur verteidigen die Philosophin Petra Gehring, die Kulturwissenschaftlerin Karin Harrasser und der Literatur- und Kunsttheoretiker Philipp Ekardt ihren Forschungsantrag zur besseren Gestaltung des Milieus der Toten. Die kritische Gutachterkommission wird von der Medienphilosophin Christiane Voss und dem Kulturwissenschaftler Hartmut Böhme gestellt.

Das Tarot - Land und Meer

Nicht jedes Thema eignet sich für einen Dialog. Hier geht es Zug um Zug. Es sitzen sich zwei Konkurrenten gegenüber, jeder hat 10 Karten für 10 Argumente, Thesen oder Geschichten. Runde1: Die Argumente der Festlandsockelkommission treffen auf die Visionen der Waterbabies des Black Atlantic. Auf der einen Seite, die investigativen Journalisten Alexander Lahl und Max Mönch, auf der anderen die Theoretikerinnen Christina Sharpe (6.7.) und Nana Adusei-Poku (7.7.). Runde 2: Logistik ist das Glück der fugenlosen Wertschöpfungskette und auch die Nivellierung des Lokalen. Ist der Container die kleinste gemeinsame Einheit der Moderne oder die Büchse der Pandora?
Der Containerforscher Alexander Klose trifft auf die Hamburger Logistik-Experten Carlos Jahn (6.7.), Ian Karan (7.7., 18.30h) und Detlef Aßmus (7.7., 21.00).

Der Garten - Die Ökologie der Toten

2015/16 entstand der Film "Ecology of the Dead", der die belgische Philosophin Vinciane Despret vorstellt. Ihrer Meinung nach haben die Wissenschaften durch ihre akademisch arroganten Unterscheidungen von Fakt und Imagination, Wissen und Glauben, Toten und Lebenden eine besonders feindliche Umwelt für die Toten geschaffen. Despret hat Geschichten der Lebenden, die Kontakt mit Toten haben, gesammelt. Das Geschichtenerzählen scheint ihr die beste Art, den Toten eine erfindungsreiche Anwesenheit zu ermöglichen.

The Black Atlantic Sound - Songs and Stories

1995 bringt das Detroiter Techno-Duo Drexciya das Album The Quest heraus und verkündet das Auftauchen von Drexciyans aus den Tiefen des Black Atlantic: Nachkommen schwarzer Frauen, die von Bord von Sklavenschiffen auf der Mittelpassage geworfen wurden. Ihre Nachfahren haben gelernt, unter Wasser zu atmen. Wenn sie wieder auftauchen aus dem Meer, die Flüsse hoch und in die Hafenstädte kommen, sprechen sie in Sounds, Clicks, Cuts, Swirls, Spheres, Treble and Bass. Der Schriftsteller und DJ Thomas Meinecke verfolgt die Geschichte der Waterbabies und Drexcyans des Black Atlantic in Songs und Geschichten.

Das Casting - Kooperation mit der TV Produktionsfirma: dropdeadgorgeous

Die deutsch-spanisch-namibische Produktionsfirma dropdeadgorgeous sucht für ihre neue TV- Miniserie "Memory Speak" Leichendarsteller*innen. In einem öffentlichen Workshop führen die Schauspielerin und international renommierte corpse actress Susanne Sachsse und ihre Kollegin Vaginal Davis ein in das Method Acting für Leichendarsteller*innen und die Kunst der Darstellung toter Menschen. Der Workshop umfasst tiefenpsychologische und meditative Übungen, wirksame Methoden der Gesichtsentspannung und avancierte Flachatmungstechniken.


WISSENSCHAFTLER*INNEN:

Petra Gehring ist Expertin für Theorien über Leben und Tod und über Zustände dazwischen. Als Philosophin ist sie es gewohnt, ausgiebige Konversationen mit den Stimmen Verstorbener (sie liest Bücher) zu führen. Klassische Fragen des Lebens und Sterbens sind aus ihrer Sicht vor dem Hintergrund zeitgenössischer juristischer, politischer und technologischer Entwicklungen neu zu verhandeln. Petra Gehring hat Philosophie, Politikwissenschaften und Rechtswissenschaft studiert und ist seit 2002 Professorin für Philosophie an der TU Darmstadt. Neben der Beschäftigung mit Fragen der Bio-Macht, den Untiefen des Lebensbegriffs und der Sterbeethik arbeitet sie zum Problem der >Wirklichkeit< und interessiert sich für die wechselvolle Geschichte des Wachens, Schlafens und Träumens. Sie ist Autorin einer Einführung in Theorien des Todes.

Karin Harrasser ist Professorin für Kulturwissenschaft an der Kunstuniversität Linz. Es verwundert sie, dass wir, obwohl wir längst in enger Kooperation mit technischen Apparaten leben, nur über eingeschränktes Arsenal an Bildern und Begriffen verfügen, um dieses Zusammenleben (und zusammen Sterben) zu begreifen. Dies stimmt vielleicht insbesondere für die Verlängerung des Lebens in den Tod hinein durch die Medizintechnik. Ein anderer Forschungsschwerpunkt Karin Harrassers betrifft die technischen Erweiterungen des Körpers durch z.B. Prothesen, Apparate oder Medien. Den großen Theorien vom Ende des Menschen durch neue Technologien setzt sie Szenen des Parahumanen entgegen, die es vermeiden, eine Großtheorie durch die nächste zu ersetzen. Sie hat unter vielem anderem zu Zuständen des Untoten, Figuren der Gewalt und zur Politik des Möglichen geschrieben.

Philipp Ekardt ist Literatur- und Kunstwissenschaftler und interessiert sich u.a. für style-politische Fragen in der Mode und sogenannte >Trends<. Zur Zeit forscht er am im Projekt Bilderfahrzeuge am Warburg Institute (London) an einer Theorie der Bildzirkulation um 1800 und schreibt an einem Buch über den modetheoretischen Gehalt des Denkens Walter Benjamins. Neben der Geschichte und Gegenwart der Pariser Couture und schreibtechnischen Fragen der Modekritik, beschäftigt er sich dabei unter anderem mit Theorien des Materials jenseits klassischer Oppositionen von toten und lebenden Stoffen, Vitalismus und Thanatismus. Aber auch mit konventionelleren Motiven, wie z.B. der falschen Annahme, dass der weibliche Körper in der Mode, als Figuration der Ware »tote Arbeit« vorstellt und deshalb schön, aber leider nicht lebendig sei. Philipp Ekardt arbeitet häufig im Zwischenbereich von Universität, Theorie und Kunst und verfolgt die Appropriationen von Diskursen und Stilen zwischen Kultur, Subkultur und Institution. Neben seiner akademischen Beschäftigung hat er für zahlreiche Magazine geschrieben, u.a. als Chefredakteur von Texte zur Kunst.

GUTACHTER*INNEN:

Christiane Voss ist seit 2009 Professorin für Medienphilosophie an der Bauhaus-Universität Weimar und forscht an der Kreuzung von philosophischer Ästhetik und Erkenntnistheorie, insbesondere zur spezifischen Ästhetik und Erkenntnisform der Illusion. Ihr Nachdenken über die Toten vermisst entsprechend den Bereich zwischen diesseitigen Medien und jenseitigen Phänomenen: Wie werden die Habitate und Existenzweisen der Toten medial entworfen und gestaltet? Wo liegen die Grenzen der Wahrnehmung und Artikulation von Affekten der Trauer und des Verlusts? Die Betrachtung der Toten führt dabei immer auch zu den Lebenden. Historisch und regional variable Formen der Kommunikation mit den Toten und der materiellen Grundlagen dieser Kommunikation, etwa in Form von Bestattungsoutfits und -ritualen, sind anthropologisch hochinformativ. Neben ihrer akademischen Arbeit ist Christiane Voss als Dokumentarfilmemacherin tätig.

Hartmut Böhme ist Professor emeritus für Kulturtheorie und Mentalitätsgeschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin. Er hat, unter vielem anderen, prominent zur Wissens- und Technikgeschichte, dem Nachleben der Antike in der Gegenwart und zum fetischistischen Verhältnis unserer Kultur zu Dingen und Objekten veröffentlicht und für seine Arbeiten zahlreiche Auszeichnungen erhalten. Er ist Mitglied verschiedener Stiftungen und Beiräte und war Gutachter in zahlreichen Verfahren, u.a. für die DFG, den DAAD und den Schweizerischen Nationalfonds. Als Kulturwissenschaftler fragt er sich, warum die Lebenden eigentlich Zeremonien einrichten und so versessen darauf sind, dass die Toten ihnen Mitteilungen schicken? Oder sind es die Toten, die uns etwas mitteilen wollen? Planen sie einen Aufstand, der als Auferstehung getarnt ist? Und wie kann es sein, dass sie in der Hölle mit allen Sinnesempfindungen ausgestattet sind und doch keinen Körper mehr haben?

VIDEO: ECOLOGY OF THE DEAD

Vinciane Despret ist Wissenschaftsphilosophin an der Universität von Liège in Belgien. Sie hat Philosophie, Psychologie und Ethologie, die Lehre vom Verhalten der Tiere, studiert. Ob in ihrer Beschäftigung mit dem Verhalten und Verhältnis von Tieren und Menschen, in ihren wissenschaftstheoretischen Arbeiten oder in ihrer Auseinandersetzung mit den Toten; es geht in ihren Schriften stets um die komplizierten Relationen zwischen Beobachter und Beobachtetem. Genauer gesagt, um die vielfältigen Verhältnisse, die die Leute zu Dingen und Wesen entwickeln, die in ganz anderen Existenzformen als sie selbst erscheinen. Um den lebendigen Beziehungen zu den Toten nachzugehen, betrieb sie ausgiebige Feldforschungen: Sie las jedes Buch, sah sich jeden Film an, alle TV- Serien, die ihr empfohlen wurden, sammelte Geschichten, besuchte Spiritisten und nahm an Seancen teil. Dabei lernte sie, dass die Modalitäten, in denen wir uns in Beziehungen zu den Toten begeben sehr viel diverser und wechselseitiger sind, als psychologische Erklärungen glauben machen wollen.

BLACK ATLANTIC

Christina Sharpe ist Professorin für Englisch an der Tufts University und Autorin zweier Monographien über das Nachleben der Sklaverei in der heutigen Kultur und Gesellschaft: Monstrous Intimacies: Making Post-Slavery Subjects und In the Wake: On Blackness and Being. Letzteres verfolgt im Rahmen einer "Orthography of the Wake" literarische, visuelle, kinematographische und alltägliche Repräsentationen schwarzen Lebens. "Wake" bedeutet hier nicht nur das "Wachen", z.B. der Lebenden über die Toten oder das Erlangen von Bewusstsein, sondern bezeichnet auch das "Kielwasser", die flüchtige Spur und den Sog, die Schiffe im Wasser hinterlassen. Die verschiedenen Register des Begriffs geben Einblick darin, wie schwarze Leben noch immer von der Geschichte und Wirklichkeit des transatlantischen Sklavenhandels heimgesucht und mitgerissen werden - und was trotz der insistierenden Gewalt und Negation zu überleben vermag.

Nana Adusei-Poku lehrt und forscht als Gastprofessorin für Visual Culture an der Universität Rotterdam. Sie hat an der Humboldt Universität Berlin eine Dissertation zu »Post-Black-Art« verfasst und arbeitet als Theoretikerin und Kuratorin im Zwischenbereich von Universität und Kunst. Sie hat an Universitäten in Europa, Afrika und den USA Gender Studies, African Studies und Medienwissenschaft studiert und unterrichtet. Als Theoretikerin setzt sie sich immer auch damit auseinander, marginalisierte Diskurse und Stimmen sichtbar zu machen. Zum Beispiel, um einen Chor aus Künstler*innen, Theoretiker*innen und Poet*innen erklingen zu lassen, der eine historische und imaginäre Landkarte des Meeresbodens nachzeichnet. Ihre Stimmen erzählen von (und manchmal über) einen Abgrund oder einer Leere, vom >Dazwischensein< und spüren der Präsenz von >Nichtsein< nach. Was heißt es, »thing und no-thing«, Ding und kein Ding, Ware und Nichts zu sein - und was hat das mit der Geschichte der Logistik und der Sklaverei zu tun?

Thomas Meinecke ist Schriftsteller, Musiker, DJ und Experte für das Sampling in unterschiedlichen Formaten und Medien. In seinen sieben vielfach ausgezeichneten Romanen verschneidet er häufig Popkultur, Geschichte, Fiktion und Theorie zu dichten Miniaturen und ausufernden Geschichten, die mit Vorliebe klare Identitätspolitiken durcheinanderbringen. Er ist ein exzessiver Sammler von Schallplatten und begeisterter Benutzer historischer Archive. In seinem Roman Hellblau knüpft er ein Netz zwischen Sklavenhandel, Weltkrieg, Diaspora und Clubszene, zwischen Düsseldorf und Detroit, der westafrikanischen, europäischen und nordamerikanischen Küste und dem Meeresboden dazwischen. Die Karte, nach der im Roman die großen Routen des Kriegs, des Handels und der Sklaverei die subversiven Strömungen der Musik eingezeichnet werden, stammt aus einem CD-Booklet des Detroiter Techno-Duos Drexciya. Ausgehend von deren Musik und den in ihr auftauchende Waterbabies des Black Atlantic, erzählt Thomas Meinecke in Songs die Geschichte und Geschichten der unterwasseratmenden Nachfahren schwarzer Frauen, die auf der sogenannten »Mittelpassage« über Bord der Sklavenschiffe geworfen und ertränkt wurden.

FESTLANDSOCKELKOMMISSION

Max Mönch arbeitet als Autor und Filmemacher. Nachdem er bei einem Dreh an Land beinah ums Leben gekommen ist, drehen sich seine TV-Dokumentationen ums Meer. In seinen national und international preisgekrönten Filmen "Plastik. Fluch der Meere" (Arte), "Natur unter Beschuss" (3Sat) und "Kings in Paradise" (BR) erzählt er von Umweltskandalen. Zuletzt hat er "Die Eroberung der Weltmeere" für Arte produziert, weil er wissen wollte, wo das Land endet und wo das Meer beginnt. Er hat außerdem ein Kinderbuch geschrieben, das man nur in Eberswalde kaufen kann und schreibt Graphic Novels. Zusammen mit Alexander Lahl führt er die mobyDOK medienproduktion. 

Alexander Lahl ist Autor, Wissenschaftsjournalist, Filmemacher und Produzent. Er dreht TV-Dokumentationen und Animationsfilme, obwohl er lieber mehr Kinderbücher und Graphic Novels schreiben würde und ist Mitgründer der Medienproduktion «Die Kulturingenieure». Für seine Arbeit hat er diverse nationale und internationale Preise gewonnen, darunter den Deutschen Naturfilmpreis und den Animation Shortfilm Award beim Sundance Filmfest 2017. Derzeit beschäftigt er sich vor allem mit den Weltmeeren und Umweltthemen. Zum Beispiel damit, dass die aus 21 Geologen bestehende >Festlandsockelkommission< gegenwärtig den Großteil des planetaren Meeresbodens unter einigen Nationalstaaten aufteilt, ohne dass die meisten Leute jemals von ihr gehört hätten. Alexander Lahl wurde 1979 in Berlin (Ost) geboren.

LOGISTIK

Alexander Klose ist Containerforscher. Im Sommer 2001 bestieg er in Hamburg Waltershof ein Containerschiff als Kameramann für ein Dokumentarfilmprojekt und fuhr damit nach Hong Kong. Seitdem sieht er überall Container. Aus künstlerischer Perspektive lockt ihn ihre redundante, banal erscheinende Gegenständlichkeit. Aus sozialwissenschaftlicher Sicht, wie sie als modulare, hingestellte Umwelt funktionieren und was mit den Menschen geschieht, die in ihren funktionalen Raumherstellungszusammenhang geraten. Als Philosoph analysiert er das operative Ordnungssystem, als deren zentraler Agent Container auftreten: die logistische Episteme unserer Zeit. Darüber schrieb er eine Doktorarbeit und ein Buch mit dem Titel: "Das Containerprinzip. Wie eine Box unser Denken verändert". Heute arbeitete Alexander Klose als freiberuflicher Konzeptentwickler, Publizist und Ausstellungsmacher.

Detlef Aßmus ist Logistikexperte. Er hat schon früh eine Affinität zur Schifffahrt, zum Hafen und zur Logistik entwickelt, was auch daran liegen mag, dass er sich als gebürtiger Hamburger immer zu Hause angekommen fühlte, wenn er über die Autobahn aus dem Süden, die Harburger Berge überquerend, den Hafen vor sich liegen sah. In den 1970er Jahren entdeckte er die internationale Logistik als sich unaufhörlich veränderndes Lern-und Tätigkeitsfeld. In seinen vielen Berufsjahren als Verantwortlicher für die Logistikorganisation großer Unternehmen begleitete ihn stets der Container als grundlegende Einheit von Warenbewegungen in und um die Welt. Als Mitglied der Geschäftsleitung des Hamburger Logistik Instituts und der Bundesvereinigung Logistik, interessieren ihn in den vergangenen Jahren die Einflüsse der Digitalisierung und Industrie 4.0 auf die Logistik und Supply Chain; nicht zuletzt auch deren Auswirkungen auf Container und deren zukünftige Einbettung in globale Wertschöpfungsketten.

Prof. Dr.-Ing Carlos Jahn ist Leiter des Instituts für Maritime Logistik der Technischen Universität Hamburg und Leiter des Fraunhofer-Centers für Maritime Logistik und Dienstleistungen in Hamburg. Er startete als Matrose zur See, absolvierte ein Studium des Maschinenbaus an der Helmut-Schmidt-Universität in Hamburg, fuhr danach wieder, diesmal als Offizier, zur See und schloss währenddessen ein berufsbegleitendes Studium in Wirtschaftswissenschaften an der Fernuniversität Hagen ab. Nach seiner Promotion am Fraunhofer Institut in Magdeburg arbeitete er als Logistiker in der freien Wirtschaft. Als Offizier zur See erwarb Carlos Jahn das nautische Patent zum Führen von Frachtschiffen und gehört zu den wenigen Ingenieurwissenschaftlern in Deutschland, die ein Containerschiff steuern dürfen. Allerdings arbeitet er auch daran, dass Schiffe bald ohne Kapitäne auskommen können: Neben der nachhaltigen Hafenentwicklung und der Emissionsreduktion liegt sein Arbeitsschwerpunkt in der Entwicklung selbstfahrender Containerschiffe.

Ian K. Karan, Unternehmer, Mäzen und Senator a. D., wurde 1939 in Point Pedro auf Sri Lanka geboren. Nach einem Studium in England und Tätigkeiten in London, Basel und Hamburg, gründete er 1975 seine erste Container Leasingfirma, die CLOU Container Leasing GmbH. Dem Verkauf des Leasinggeschäftes folgte 1996 die Gründung der Firma CAPITAL Lease. Zum Zeitpunkt des Verkaufs im Juli 2007 war CAPITAL Lease mit über 520.000 TEU (Zwanzig-Fuß-Standardcontainern) das größte europäische Container-Leasingunternehmen und das achtgrößte weltweit. 2010 wurde Ian Karan zum Senator für Wirtschaft und Arbeit ernannt und leitete die Wirtschaftsbehörde der Freien und Hansestadt Hamburg bis zu den Neuwahlen 2011. Parallel dazu hatte er den Aufsichtsratsvorsitz der Hamburg Port Authority inne. Für sein großes soziales und kulturelles Engagement wurde Ian Karan mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande ausgezeichnet. Er ist unter anderem Vorstandsvorsitzender des Vereins der Freunde und Förderer der HSBA und Aufsichtsratsvorsitzender des Klipper THC.

CASTING

Susanne Sachsse ist Schauspielerin. Sie war am Berliner Ensemble engagiert und arbeitete dort mit Heiner Müller, Robert Wilson und Einar Schleef. Sie ist zudem Mitbegründerin des Künstlerkollektivs CHEAP und arbeitet als Performerin und Filmemacherin in verschiedenen Performance, Film- und Kunstkontexten. Für ihre Filmrollen hat sie zahlreiche Preise gewonnen, unter anderem den Special Teddy Jury Award der Berlinale und den Queer Icon Award beim Internationalen Filmfestival in Gualajara/Mexico. Bei uns spielt sie eine Frau, die Tote spielt und es anderen beibringt. Jenseits einfacher Nachahmung ist Leichendarstellung oder ,Corpse Acting' eine feine Kunstform, die meditative Techniken mit Methoden der Gesichtsentspannung und Flachatmung verbindet. Nichts ist weiter außerhalb menschlicher Erfahrbarkeit, als der Tod. 

Vaginal Davis ist die intersexuelle Doyenne intermedialer Kunst und Wissenschaft. Die Künstlerin, Filmemacherin, Musikerin, Autorin und Schauspielerin erhebt ihre ,Blatino' und ,Queer' Erfahrungen stilsicher zur überaffirmativen und kritischen Kunstform. Intersexuell geboren, genderqueer ideologisiert und afroamerikanischer, mexikanischer, amerikanischer und deutscher Abstammung (sie ist Nachfahrin der Dynastie Hohenzollern), zerschmeißt Vaginal mit Vorliebe das Porzellan von Anstand und Wirklichkeit. Sie hat zahlreiche Preise und Auszeichnungen erhalten, u.a. den Award for Best American Erotica für ihre Kurzgeschichte The Everlasting Secret First Family of Fuck: An Exposé und den Gesso Foundation Art Prize. Das entspricht exakt ihrer Weiterentwicklung des Warholschen Bonmots, nach dem jede*r für fünfzehn Minuten berühmt sein wird, am besten allerdings im 15 Minuten-Takt, wofür ständig neue Bewegungen und Worte erfunden werden müssen.

Die Stillgestellten oder: Salle Des Pas Perdus.
Eine Produktion der Mobilen Akademie Berlin mit Theater der Welt 2017, gefördert aus Mitteln des Elbkulturfonds.
Die mechanische Arena wurde im Auftrag der Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss gefertigt. Gefördert durch die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien aufgrund eines Beschlusses des deutschen Bundestages.