FOR AHKEEM / © Last Resort Doc LLC
 
KILLER OF SHEEP / © Milestone Films
 
SHE'S GOTTA HAVE IT © 40acres & a mule

Das Milieu der Toten. Teil 2: FILMPROGRAMM

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30. November, 21.00 Uhr, She’s Gotta Have It
Eintritt frei, Treffpunkt: S-Bhf. Jannowitzbrücke. (In Zusammenarbeit mit HIT and RUN KINO)

1. Dezember, 20.00 Uhr, Killer of Sheep
Wolf Kino, Weserstraße 59
Eintritt frei, Anmeldung (bis 30.11.)

2. Dezember, 20.00 Uhr, For Ahkeem
Villa Elisabeth, Invalidenstraße 3
Eintritt frei, Anmeldung (bis 1.12.)

Video-Intro:
Kurze, persönlich gehaltene Einführungen von Menschen mit einem besonderen Bezug zu den einzelnen Filmen ergänzen die Vorführungen. Sie lenken den Blick auf offensichtliche und verborgene Spuren, die in diesen drei Filme einen größeren Kontext entdecken lassen.

Kuratiert von Dorothee Wenner

Wer zu graben beginnt, entdeckt in der Film- und Kinowelt, in den Schichten etwas unterhalb der tagespolitischen Diskurse, ein erstaunliches Phänomen.

Inmitten der medialen Hyperproduktion stößt man auf einen akuten Bildermangel, der sich wie ein Echo zu den leeren Archiven der Museen und den ausgelöschten Biographien im „Nachleben der Sklaverei“ verhält, über die Christina Sharpe und Saidiya Hartman forschen. Natürlich gibt es einige Klassiker in der Filmgeschichte, die sich dem Thema widmen – etwa Uncle Tom's Cabin (Edward S.Porter, USA 1903), Gone with the Wind (Victor Fleming, USA, 1939), Sankofa (Haile Gerima, Burkina Faso/Ghana/Deutschland/USA/GB, 1993), Quilombo (Carlos Diegues, Brasilien 1984), Daughters of the Dust (Julie Dash, USA 1991), 12 Years a Slave (Steve McQueen, USA, 2013), um nur einige zu nennen – und ohne hier Erzählperspektiven, „black-facing“ oder Körperdarstellungen zu problematisieren. Im Unterschied zu Filmen, die sich etwa mit dem Holocaust beschäftigen, sind filmische Auseinandersetzungen über die Auswirkungen des Sklavenhandels in Afrika und in der schwarzen Diaspora Raritäten, bleiben Ausnahmeerscheinungen. So problematisch quantitative Vergleiche auch sein mögen – sie haben weitreichende Konsequenzen, denn vorhandene Bildproduktionen beflügeln weitere Bildproduktion. Im Unterschied dazu gelten Filme aus Afrika und der schwarzen Diaspora, Filme mit afrikanischen Sujets oder mit schwarzen Protagonisten – von Ausnahmen abgesehen – unter Verleihern als Kassengift, unter Fernsehredakteuren als Quotenkiller, nicht nur in Deutschland. Selbstredend geht es nicht in allen Filmen dieser Provenienz um die Auswirkungen des Sklavenhandels – doch ihre kaum vorhandene Präsenz in unseren Kinos und Fernsehprogrammen verstärkt das Problem. Mit fortschreitender Globalisierung wird der Bildermangel über Lebenswirklichkeiten in Afrika und der schwarzen Diaspora eklatanter, einhergeht die dramatische Unterrepräsentanz schwarzer/afrikanischer Filmschaffender im internationalen Mediengeschäft.

Versucht man eine Analyse, gerät man schnell in einen unübersichtlichen Strudel von Verschwörungstheorien und Schuldzuweisungen – mal ist es das ignorante Publikum, mal sind es rassistische Kuratoren, farbenblinde Jurys, die für die Problematik verantwortlich gemacht werden. Hinter verschlossenen Türen oder vorgehaltenen Händen wird in westlichen Fachkreisen auch öfter mal ein „Mangel an Professionalität“ seitens der schwarzen/afrikanischen Filmschaffenden bejammert – die Tumulte um die #Oscarsowhite-Debatte im Jahr 2016 waren in diesem Zusammenhang sehr aufschlussreich. Warum jedoch Auswege aus dem Dilemma so schwer zu finden sind, könnte daran liegen, dass der Bildermangel gleichzeitig Ursache und Folge ist. Unterhalb des Offensichtlichen scheinen es tatsächlich die fehlenden Bilder/Filme zu sein, die die Vorstellungskraft bräuchte, um Neugierde und Interesse an einem „Mehr“ zu wecken. Ein Teufelskreis: weil z. B. das deutsche Publikum relativ wenig über afrikanische Gegenwart weiß, interessiert es sich nicht für afrikanische Filme, die, wenn sie dann mal ins Kino kommen, kaum ein Publikum, somit selten Verleiher finden. Oder: weil die Erwartungshaltungen an die filmische Darstellung schwarzer Lebenswirklichkeiten erstickend stereotyp sind, werden ästhetische Befreiungsversuche aller, die auszubrechen versuchen, unter der Last der Ressentiments erschwert.

Dorothee Wenner

SHE'S GOTTA HAVE IT, Spike Lee, USA 1986
Video intro : RICO SPEIGHT

Im Bett, aus dem die junge, überaus attraktive Nola Darling aufsteht, übernachten dann doch zu viele Männer, so beschwert sich zu Beginn des Films Nolas Mitbewohnerin. Drei der aktuellen Verehrer, die Nola umschwirren wie Motten das Licht, lernen wir im Verlauf der Komödie näher kennen. Es sind der eitle Greer, ein Model und Schauspieler, der konservative Jamie, der eine Frau zum Heiraten sucht und Mars, gespielt von Spike Lee, der chronisch Witze reißt und Nola zum Lachen bringt. Wenngleich komplett unterschiedliche Typen haben Nolas Männer doch etwas gemeinsam – ihre Überzeugung, die jeweils individuell beste Lösung für Nolas Suche nach dem Sinn des Lebens zu sein. Nola jedoch, die Augen direkt in die Kamera gerichtet, lässt uns, das Publikum, nicht nur einmal wissen, dass sie weder in den Besitz eines dieser drei Verehrer noch irgendwelcher anderer Männer geraten will. Eine anspruchsvolle Beziehungskonstellation für diese moderne Frau zwischen drei besitzergreifenden Männern. Gleich nach seiner Premiere wurde das Debut von Spike Lee als Meilenstein gefeiert, als der Film, mit dem in den USA die Ära des NEW BLACK CINEMA begann. Mit ausschließlich schwarzen Darstellern und sehr präsenten, aber niemals vordergründigen politischen Botschaften veränderte der Film drastisch die Wahrnehmung von Brooklyn und der aufstrebenden schwarzen Mittelschicht in den 1980er Jahren. 30 Jahre später hat Spike Lee den Film in eine zehnteilige Serie für Netflix adaptiert, die dieses Jahr zu Thanksgiving gelauncht wird – dem Feiertag, der auch in der Geschichte des Films eine wichtige Rolle spielt.

Rico Speight arbeitet in New York als Produzent, Regisseur und Autor sowohl im Filmbereich wie auch im Theater und für das Fernsehen. Sein Dokumentarfilm Who's Gonna Take the Weight? (1999) portraitiert junge Afroamerikaner und Südafrikaner nach dem Ende der Apartheid wurde auf den Filmfestspielen in Cannes gezeigt. 2010 und 2013 führte er Regie in einer Multi-Media-Aufführung von Aime Cesairs A Season in the Congo. Derzeit produziert Speight einen dokumentarischen Spielfilm über Frantz Fanon, den revolutionären Psychiater, Philosophen und Theoretiker.

30.11.2017, 21 Uhr, Treffpunkt: S-Bhf. Jannowitzbrücke, von dort den Pfeilen folgen
In Zusammenarbeit mit HIT and RUN KINO
Eintritt frei, ohne Anmeldung

KILLER OF SHEEP, Charles Burnett, USA 1977
VIDEO INTRO: CHRISTINA SHARPE

Stan lebt mit Frau und Tochter in Watts, einem hauptsächlich von Afroamerikanern bewohnten Bezirk von South Los Angeles. Er ist ein sensibler Träumer mit einem peinigenden Job im Schlachthof, wo er die Körper toter Schafe ausweidet. Zuhause gelingt es ihm manchmal, die chronischen Geldsorgen zu vergessen, in kurzen Momenten familiärer Geborgenheit. Etwa, wenn er eine warme Kaffeetasse an seine Wange hält, mit seiner Frau tanzt oder seine Tochter im Arm hält. Der Film zeigt keine Auswege aus einem Alltag, der oft trostlos erscheint, aber auch Momente von ansteckender Freude und feinsinnigem Humor parat hält. Charles Burnetts Abschlussarbeit an der UCLA, 1977 an mehreren Wochenenden mit einem Minimalbudget gedreht, zählt zu den selten gesehenen Meisterwerken amerikanischer Filmgeschichte. Seiner ungeschliffenen, einfühlsamen dokumentarischen Qualitäten wegen wurde er mit dem italienischen Neorealismus verglichen; andere erkannten den Einfluss von Cassavetes' Shadows, während Burnett Jean Renoir als Vorbild nennt. Das Forum der Berlinale machte den Film 1981 einem internationalen Publikum bekannt; 1990 wurde er von der Kongressbibliothek als einer von 50 Titeln in die „National Film Registry“ aufgenommen. Vor kurzem vom UCLA Film and Television Archive restauriert, ist KILLER OF SHEEP drei Jahrzehnte nach seiner Entstehung wieder auf der Leinwand zu sehen. Noch immer kann der Film inspirieren – so viel Zuneigung, so viel Authentizität, so viel Poesie und Hingabe stecken in jeder körnigen Schwarzweißeinstellung.

Christina Sharpe ist Professorin für Englische Literatur an der Tufts University und arbeitet zu Black Visual Studies, Afroamerikanischer Literatur und Kultur, Black Queer Studies und Black Diaspora Studies. Sie ist Autorin zweier Monographien über das Nachleben der Sklaverei in der heutigen Kultur und Gesellschaft: Monstrous Intimacies: Making Post-Slavery Subjects (2009) und In the Wake: On Blackness and Being (2016).

01.12.2017, 20 Uhr, Wolf Kino (Weserstraße 59, 12045 Berlin)
Eintritt frei, Anmeldung (bis 30.11.)

FOR AHKEEM, Jeremy S. Levine, Landon Van Soest, USA 2017
VIDEO INTRO : JIMMIE EDWARDS

Daje ist 17 Jahre alt, so widerspenstig und verträumt wie ihre Altersgenossinnen anderswo auf der Welt. Wie ernst es um ihre Zukunft steht, ahnt man, als Daje mit ihrer Mutter zum Jugendrichter muss, weil sie wegen Aufsässigkeit von der Schule geflogen ist und nur noch eine Chance bekommt. Doch erst allmählich begreift man ihre Situation: wenn man auf ihrem Schulheft die vielen Namen von ihren Freunden sieht, mit dem Kuli gekritzelt – dahinter ein R.I.P. und ein frisches Datum. Wenn Daje mit ihrem Freund darüber redet, dass sie – oder er – vielleicht auch so jung sterben werden?
FOR AHKEEM erforscht den Kosmos einer jungen schwarzen Frau in St. Louis, Missouri, unweit von Ferguson, wo im August 2014 Michael Brown erschossen wurde. Aus einer strikt persönlichen Sicht erzählt der Film von ihrem Aufwachsen im heutigen US-Amerika, von den für sie vorgezeichneten Wegen, den verrammelte Backsteinhäuser säumen. Aber auch von Dajes Talent, weder als Opfer noch als „Musterschülerin“ zur beeindruckenden Protagonistin eines Dokumentarfilms zu avancieren, der ihr kompliziertes Leben eher wie ein bewegender Spielfilm denn als Sozialreportage zeigt.

Jimmie Edwards ist Richter am Judicial Circuit of Missouri in St. Louis, ist ein „Nebendarsteller“ in For Akheem – mit größtem Einfluss auf Daje, die Protagonistin des Films. Edwards wuchs bei seiner alleinerziehenden Mutter im von Kriminalität geprägten Norden von St. Louis auf. Überaus vertraut mit allen Aspekten städtischer Kriminalität gründete er 2009 die „Innovative Concept Academy“, eine experimentelle Schule für Teenager, die anderswo keine Chance mehr haben. In den USA hat Edwards mit seiner Arbeit bereits viel Aufmerksamkeit erregt, u. a. durch den TED talk „Encouraging the Incorrigible — Smart on Crime.“

02.12.2017, 20 Uhr, Villa Elisabeth (Invalidenstraße 3, 10115 Berlin)

Das „Milieu der Toten“ ist eine Produktion der Mobilen Akademie Berlin, koproduziert und veranstaltet von der Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss, finanziert aus Mitteln der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM).