Das Milieu der Toten. Teil 1: Der Antrag

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Silent Green
Gerichtstraße 35, 13347 Berlin

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Freitag, 26. & Samstag, 27. Mai
Beginn: 19.30 Uhr, Einlass: 19.00 Uhr.

Eintritt frei
Teilnahme nur mit Voranmeldung möglich. Bitte nutzen Sie unser Anmeldeformular

Mobile Academy Berlin:
Konzept & Bühne: Hannah Hurtzig
Recherche & Dramaturgie: Marian Kaiser
Architektur: Florian Stirnemann
Die Antragsteller: Philipp Ekardt, Petra Gehring, Karin Harrasser
Die Gutachter: Philipp Stoellger, Christiane Voss
Sachverständige: Britta Lange
Die Schauspielerin: Susanne Sachsse
Künstlerische Produktionsleitung : Eva Lämmerzahl
Projektkoordination: Laura Weber
Technische Leitung & Lichtdesign: Andreas Harder
Video/Dokumentation: Phillip Hohenwarter, Matthias Maercks
Kamera/Schnitt: Philipp Hochleichter
Klangkünstler/Ton: Lukas Grundmann
Unser Dank gilt: Uferstudios Berlin

Das Milieu der Toten. Teil 1: Der Antrag
Ein Projekt der Mobilen Akademie Berlin gefördert aus Mitteln des Hauptstadtkulturfonds. Die mechanische Arena wurde im Auftrag der Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss gefertigt . *Gefördert durch die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien aufgrund eines Beschlusses des deutschen Bundestages.

Das letzte Projekt der Mobilen Akademie in Berlin fand 2009 am HAU statt. Danach waren wir ein paar Jahre unterwegs. Jetzt sind wir zurück mit einer neuen Serie von Veranstaltungen, die 2017 und 2018 die komplizierten Verwandtschaftsverhältnisse der Toten und Lebenden zum Thema haben: der Former Us und Future Them. Im ersten Teil der Reihe verteidigen drei Wissenschaftler*innen einen Antrag zur Erforschung des Milieus der Toten, den sie bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) eingereicht haben. In einer mechanisch animierten Arena treffen sie vor Publikum auf ihre Gutachterkommission. Teil 1 präsentiert: Wissenschaft unter Einfluss (A Science under the Influence) - wissenschaftliches Sprechen am Rande von Administration und Spekulation.

DAS MILIEU
Ein Milieu entsteht zwischen aktiver Selbstgestaltung und passiver Anpassung eines Organismus. In der Biologie bezeichnet das Milieu einen Austauschplatz zwischen dem Lebewesen und seiner Umgebung. In der Physik ist das Milieu überall im Universum zu finden, unbegrenzt und trotzdem Grundlage für jede Kraftwirkung. Das Projekt fragt nach einem Milieu für die Toten. Könnte es sein, dass für die Abwesenheit der Toten in unseren modernen Gesellschaften schlechte Milieubedingungen verantwortlich sind? Wo dürfen sie anwesend sein, oder auch anwesend abwesend, wie es so ihre Art ist?
Die Naturwissenschaften interessieren sich aussschließlich für die Körper der Toten, ihren Leichnam und gesellschaftlich werden sie nur in biografischen Ausnahmesituationen wahrgenommen. Aber auch in dieser Situation fehlt es an Sprache, Praktiken und kultureller Aufmerksamkeit. Die westlichen Ahnen sind nicht anwesend und eine Kommunikation mit den Toten wird als Imagination oder psychisch problematisch eingestuft. Andererseits sind die Toten ständig sichtbar, denn medial sind sie überpräsent: Jede zweite TV-Serie beginnt mit der Nahaufnahme einer hygienischen Leiche in der Pathologie. Aber da uns die Referenzen in der Wirklichkeit fehlen, bringen die medialen Körper nicht die Toten in den Blick, sondern sind selbst nur Masken des Todes.

Es wird auf allen Kanälen über den Tod philosophiert, und noch viel mehr über das Sterben und über die Verlängerung des Lebens in den Tod hinein. Aber die Toten sind eine Leerstelle. Allerdings nicht überall auf der Welt: während Europa eher einen aufgeregten Dialog über das Sterben und einen philosophischen Dialog mit dem Tod führt, wird in nicht-westlichen Kulturen und an anderen Orte der Dialog mit den Toten durchaus geführt.

TEIL1: DER ANTRAG
Die Mobile Akademie Berlin hat es sich zur Aufgabe gemacht, die komplizierten Verwandtschaftsverhältnisse zwischen den Toten und den Lebenden zu verbessern. Hierzu haben wir drei Expert*innen für das Denken und Formulieren ungewöhnlicher und komplizierter Vorgänge beauftragt, Vorschläge zur Erforschung und Gestaltung des Milieus der Toten zu entwickeln. Aber wie kann über die Grenzen des Denkbaren und Sagbaren hinausgedacht und -gesprochen werden, ohne Esoterik, Psychologismus oder Religion zu betreiben? Was wären totensensible Wissenspraktiken, die die Toten in die Forschung miteinbeziehen? Sind sie überhaupt eine homogene Gruppe? In welcher Zeitlichkeit leben sie? In der Ewigkeit? Wenn ja, in welcher? Die Philosophin und Expertin für Theorien des Todes, Prof. Dr. Petra Gehring, die Kulturwissenschaftlerin und Erforscherin parahumaner Prozesse, Prof. Dr. Karin Harrasser, und der Spezialist für Materialien jenseits von Vitalismus und Thanatismus, der Literatur- und Kunstwissenschaftler Dr. Philipp Ekardt, haben zur Beantwortung solcher Fragen eigens einen Forschungsverbund gegründet, der ein Programm spekulativer Wissenschaft vorschlägt. Ziel ihrer Forschung an den Rändern des Wissbaren und Denkbaren ist die Entwicklung einer Praxeologie zur Untersuchung des Milieus der Toten. Zur Finanzierung des aufwändigen Vorhabens wurde ein Forschungsantrag an die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) gestellt, der am 26. und 27. Mai live vor zwei Gutachter*innen und Publikum verteidigt wird. Die Medienphilosophin Prof. Dr. Christiane Voss und der Theologe Prof. Dr. Philipp Stoellger bilden die kritische Gutachterkommission. Die Kulturwissenschaftlerin Dr. Britta Lange ist als Sachverständige geladen, die Verhandlung der Toten des sogenannten "modernen westlichen Typs" mit solchen von anderen Orten und aus anderen Zeiten zu ergänzen.

DIE ARENA
Nichts scheint den Lebenden zugleich fremder und näher als der Tod. Er markiert einerseits die Grenze menschlicher Erfahrbarkeit. Andererseits sind die Toten unsere Zukunft und wir ihre Vergangenheit. Sie sind Future Us und wir sind Former Them. Eine stetige Spirale aus Fremdheit und Verwandtschaft, Inklusion und Exklusion, Nähe und Ferne. Wir sind immer auch sie, und sie wissen vielleicht, dass sie einmal sterblich waren. Um dieses Hin und Her zu beherbergen und den verworrenen Windungen und Prozessen zwischen den Toten und den Lebenden einen Ort zu geben, hat die Mobile Akademie im Auftrag des Humboldt Forums eine besondere Architektur entworfen: eine animierte, mechanische Arena, die die Zuschauer*innen und Protagonist*innen abwechselnd ein- und ausschließt. Eine Hörmuschel, um den Toten zu lauschen, im Berliner Volksmund auch Humboldt-Schnecke genannt. Uns erinnern ihre Rundungen vor allem an die Spiralformen fossiler Mollusken: Merkwürdige Überbleibsel ehemaliger Urzeitmeere, konkrete Erinnerungen einer Zeit außerhalb menschlicher Wahrnehmung, fremd im gegenwärtigen Milieu.


Protagonist*innen:
The Future Us - die Toten
The Former Them - die Lebenden

Antragssteller*innen:
Dr. Petra Gehring ist Professorin für Philosophie an der Technischen Universität Darmstadt.
Dr. Karin Harrasser ist Professorin für Kulturwissenschaft an der Kunstuniversität Linz.
Dr. Philipp Ekardt ist Literatur- und Kunstwissenschaftler und forscht am Warburg Institute in London.

Gutachter*innen:
Dr. Christiane Voss ist Professorin für Philosophie Audiovisueller Medien an der Bauhaus-Universität Weimar.
Dr. Philipp Stoellger ist Professor für Dogmatik und Religionsphilosophie an der Theologischen Fakultät der Universität Heidelberg.

Sachverständige:
Dr. Britta Lange ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Kulturwissenschaft der Humboldt-Universität zu Berlin

Die Antragsteller*innen:
Petra Gehring ist Expertin für Theorien über Leben und Tod und über Zustände dazwischen. Als Philosophin ist sie es gewohnt, ausgiebige Konversationen mit den Stimmen Verstorbener (sie liest Bücher) zu führen. Klassische Fragen des Lebens und Sterbens sind aus ihrer Sicht vor dem Hintergrund zeitgenössischer juristischer, politischer und technologischer Entwicklungen neu zu verhandeln. Petra Gehring hat Philosophie, Politikwissenschaften und Rechtswissenschaft studiert und ist seit 2002 Professorin für Philosophie an der TU Darmstadt. Neben der Beschäftigung mit Fragen der Bio-Macht, den Untiefen des Lebensbegriffs und der Sterbeethik arbeitet sie zum Problem der >Wirklichkeit< und interessiert sich für die wechselvolle Geschichte des Wachens, Schlafens und Träumens. Sie ist Autorin einer Einführung in Theorien des Todes.

Karin Harrasser ist Professorin für Kulturwissenschaft an der Kunstuniversität Linz. Es verwundert sie, dass wir, obwohl wir längst in enger Kooperation mit technischen Apparaten leben, nur über eingeschränktes Arsenal an Bildern und Begriffen verfügen, um dieses Zusammenleben (und zusammen Sterben) zu begreifen. Dies stimmt vielleicht insbesondere für die Verlängerung des Lebens in den Tod hinein durch die Medizintechnik. Ein anderer Forschungsschwerpunkt Karin Harrassers betrifft die technischen Erweiterungen des Körpers durch z.B. Prothesen, Apparate oder Medien. Den großen Theorien vom Ende des Menschen durch neue Technologien setzt sie Szenen des Parahumanen entgegen, die es vermeiden, eine Großtheorie durch die nächste zu ersetzen. Sie hat unter vielem anderem zu Zuständen des Untoten, Figuren der Gewalt und zur Politik des Möglichen geschrieben.

Philipp Ekardt ist Literatur- und Kunstwissenschaftler und interessiert sich u.a. für style-politische Fragen in der Mode und sogenannte >Trends<. Zur Zeit forscht er am im Projekt Bilderfahrzeuge am Warburg Institute (London) an einer Theorie der Bildzirkulation um 1800 und schreibt an einem Buch über den modetheoretischen Gehalt des Denkens Walter Benjamins. Neben der Geschichte und Gegenwart der Pariser Couture und schreibtechnischen Fragen der Modekritik, beschäftigt er sich dabei unter anderem mit Theorien des Materials jenseits klassischer Oppositionen von toten und lebenden Stoffen, Vitalismus und Thanatismus. Aber auch mit konventionelleren Motiven, wie z.B. der falschen Annahme, dass der weibliche Körper in der Mode, als Figuration der Ware »tote Arbeit« vorstellt und deshalb schön, aber leider nicht lebendig sei. Philipp Ekardt arbeitet häufig im Zwischenbereich von Universität, Theorie und Kunst und verfolgt die Appropriationen von Diskursen und Stilen zwischen Kultur, Subkultur und Institution. Neben seiner akademischen Beschäftigung hat er für zahlreiche Magazine geschrieben, u.a. als Chefredakteur von Texte zur Kunst.

Die Gutachter*innen:
Christiane Voss ist seit 2009 Professorin für Medienphilosophie an der Bauhaus-Universität Weimar und forscht an der Kreuzung von philosophischer Ästhetik und Erkenntnistheorie, insbesondere zur spezifischen Ästhetik und Erkenntnisform der Illusion. Ihr Nachdenken über die Toten vermisst entsprechend den Bereich zwischen diesseitigen Medien und jenseitigen Phänomenen: Wie werden die Habitate und Existenzweisen der Toten medial entworfen und gestaltet? Wo liegen die Grenzen der Wahrnehmung und Artikulation von Affekten der Trauer und des Verlusts? Die Betrachtung der Toten führt dabei immer auch zu den Lebenden. Historisch und regional variable Formen der Kommunikation mit den Toten und der materiellen Grundlagen dieser Kommunikation, etwa in Form von Bestattungsoutfits und -ritualen, sind anthropologisch hochinformativ. Neben ihrer akademischen Arbeit ist Christiane Voss als Dokumentarfilmemacherin tätig.

Philipp Stoellger ist Professor für Dogmatik und Religionsphilosophie an der Theologischen Fakultät der Universität Heidelberg. Er ist weder Profi noch Amateur, wenn es um die Toten geht, eher Universaldilettant in Fragen von Wort und Bild angesichts des Todes. Als Theologe und Religionsphilosoph ist er vertraut mit Todesdiskursen, Metaphern, Narrationen und Bildpraktiken der Christentümer. Dabei sind es weniger Antworten als unabweisbare Fragen, die ihn leiten: Ist das Bild stark wie der Tod - oder selber nur tot? Ist der Tote Bild seiner selbst? Sind Deutungen des Todes eine Passion, in der Tod und Tote zum gefügigen Lustobjekt ihrer Interpretation werden? Und wie noch sprechen, wenn einem angesichts des Todes des Anderen die Worte fehlen? Ist dann nicht Sprechen, dennoch Worte wagen, Einspruch gegen den Tod? Oder zerfallen angesichts des Todes Wort und Bild wie modrige Pilze?

Die Sachverständige:
Britta Lange ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Kulturwissenschaft der Humboldt-Universität zu Berlin. Sie forscht nicht zur Geschichte, zum Status oder zur Ästhetik des Todes, ist aber durch ihren Umgang mit sensiblen Sammlungen immer wieder aus praktischer und theoretischer Perspektive damit konfrontiert. Daher hat sie keine gesicherten Erkenntnisse, keine Antworten, sondern nur Fragen: Wie agieren die Körperteile, aber auch die Fotos und Gipsabdrücke von verstorbenen Menschen, die heute in unseren Archiven und Museen lagern? Zu welchem Gedächtnis gehören sie, und mit wem kann man in respektvoller Form darüber sprechen? Wie über den Tod verhandeln und dabei die Toten nicht zu Statisten machen?

Das Milieu der Toten. Teil 1: Der Antrag
Ein Projekt der Mobilen Akademie Berlin gefördert aus Mitteln des Hauptstadtkulturfonds.
Die mechanische Arena wurde im Auftrag der Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss gefertigt. Gefördert durch die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien aufgrund eines Beschlusses des deutschen Bundestages. 

Kaum etwas ist so schwierig, wie als Wissenschaftler_in über den Tod zu sprechen. Man hat eigentlich immer das Gefühl, daneben zu liegen, das Wesentliche nicht adressieren zu können oder etwas Ungehöriges zu tun.
(Karin Harrasser, Vienna, 2015)