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Yedioth Aharonot Tel Aviv, 2.10.2009

Markt? - Nachbarschaft

In Wien angekommen, beschäftigte sich das Theater des Wissens mit den Schuldgefühlen der Österreicher aufgrund des zweiten Weltkrieges. In Liverpool sprachen die Experten des Wissens über die fehlende Identität der englischen Stadt. Und jetzt machte der "Schwarzmarkt" mit seinen 100 Experten zu einer einmaligen Veranstaltung in Jaffa halt, auf der über Vampire, Hypnose, Genetik und was sonst noch alles gesprochen wurde. Siv Raviv machte sich auf, um für 5 Schekel Wissen einzukaufen und kehrte zurück, nachdem er in der Warteschlange gedrängelt, heimlich ein halbprivates und intimes Gespräch belauscht und sich obendrein auf einen Streit mit einem Experten eingelassen hat.

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Kurz bevor die Sonne im Meer versank, blieb mein Motorroller in einem Knäuel aus Bürokratie, geschiedenen Eltern und raffiniert gekleideten jungen Leuten stecken. Es geschah am letzten Sabbat, auf einer ganz besonderen Veranstaltung namens "Schwarzmarkt". Dies ist ein Theater des Wissens, eine bunte Wandervorstellung, die schon in vielen Städten der Welt gastiert hat, darunter in Liverpool, Berlin, Wien und Istanbul. Jetzt ist sie hier, in der Kedemstraße in Jaffa.

Auf dem "Schwarzmarkt" werden wir im Grunde genommen eingeladen, zum Preis von nur 5 Schekeln ein persönliches Gespräch mit Experten der unterschiedlichsten Gebiete zu führen, das genau eine halbe Stunde dauert und endet, wenn Hannah Hurtzig, die Gründerin des Festivals, auf einen Gong schägt. Dies ähnelt etwas dem Speed-Dating, nur ohne die knisternde erotische Spannung.

Die in Deutschland geborene Hurtzig zieht mit dem Festival von Land zu Land, von Stadt zu Stadt. Dies ist bereits das 12. Festival, das sie durchführt. Das Thema ist an jedem Ort anders. In Liverpool zum Beispiel drehte sich ein großer Teil der Gesprächsthemen der Experten um die fehlende Identität der Stadt, während man sich in Wien viel mit den Schuldgefühlen aufgrund des 2. Weltkrieges beschäftigte.

Im israelischen Festival, so scheint es, sind die Gesprächsthemen mit den Experten besonders abwechslungsreich. Man kann Vorträge über Hypnose und über Vampire hören, mit einer Expertin für Genetik sprechen und sich mit Shulamit Aloni und Eran Zur unterhalten. Es gibt etwa 100 Experten – man braucht nur ein Gebiet zu nennen, und es gibt einen Experten dafür. Das Ereignis wird produziert vom Zentrum für digitale Kunst in Holon in Zusammenarbeit mit weiteren Organisationen.

Wen kostet es mehr

Der quälendste Teil der Veranstaltung ist die Einschreibeprozedur – gewaltige Warteschlangen mit unklaren und verwirrenden Regeln, die Familien, Paare und Freunde auseinanderreißen, die versuchen, sich für die begehrtesten Einzelvorträge einzuschreiben. Von Zeit zu Zeit ist die Stimme des Ansagers zu hören, der die Regeln erklärt und die Teilnehmer anleitet: Zuerst auf Arabisch und dann auf Hebräisch, obwohl ich nicht glaube, dass unter den Anwesenden viele Araber waren.

Ich dringe zu einer der Schlangen vor, die vor wartenden Menschen nur so wimmelt und sich nicht wirklich vorwärtsbewegt. Plötzlich kommt eine Frau auf mich zu. "Ich schlage vor, dass Ihr euch Kopfhörer nehmt, denn die Liste der Experten für die erste Runde ist ausgebucht. Auf diese Weise könnt Ihr den Gesprächen wenigstens zuhören", sagt sie auf Englisch mit deutschem Akzent. Das ist Hannah Hurtzig, ich erkenne sie nach Bildern, die ich im Internet gesehen habe. Sie ist bis in die kleinsten Einzelheiten verwickelt und sie weiß, wovon sie spricht. An unserem Schalter werden bereits keine Karten für Experten mehr verkauft. Alles ist ausverkauft, aber ich bin trotzdem noch nicht bereit, meinen Platz in der Warteschlange aufzugeben.

Plötzlich schiebt sich ein bebrillter und glatzköpfiger Mann in mein Blickfeld. Er hält einen kleinen Zettel in der Hand und ruft: "Wer will eine Expertin für Feminismus für fünf Schekel, Feminismus für fünf Schekel." Die jungen Leute hinter mir rufen ihm zu: "Ja, verkauf nur! Es ist ja Markt!", und er verkauft tatsächlich.

Je weiter die Zeit meines Wartens in der Schlange voranschreitet, desto mehr beginne ich zu verstehen, dass – obwohl von einem kulturellen und künstlerischen Ereignis die Rede ist - das Wort "Markt" im wörtlichen Sinne verstanden werden muss. Das Mädchen am nächstgelegenen Schalter hebt plötzlich eine kleine Karte hoch und ruft: "Vortrag von Michal Gelbart über Militarismus, wer bietet mir 20 Schekel?" Es amüsiert mich zu sehen, wieviele Hände in die Höhe gehen, meine eigenen eingeschlossen. Ich stehe hier mit 70 Menschen zusammengedrängt in der Schlange, und wir alle rangeln uns um ein Gespräch mit irgendeiner Expertin, bereits ganz gleichgültig, um welches Thema es geht. "22 Schekel", schreie ich, aber jemand anders erhält den Zuschlag für das begehrte Gespräch für 28 Schekel.

Ich befolge den Rat von Hurtzig und tröste mich mit kabellosen Kopfhörern. Das Benutzen von Kopfhörern ist ein "Muss" auf dieser Veranstaltung. Gegen Vorlage eines Lichtbildausweises und erneutes Einreihen in einer weiteren Warteschlange bekommt jeder Interessent einen Kopfhörer mit sechs Kanälen, um Gespräche mitzuhören, die von den Organisatoren in jeder Runde ausgewählt werden. Noa Peri, ein junges, gelocktes Mädchen, hat sich bereits mit Kopfhörern versorgt. Ich frage sie nach dem Grund ihres Kommens. Peri: "Es waren spezifische Leute, die ich treffen wollte, besonders diese Polin. Ich dachte, ich würde ihr gegenübersitzen und es genießen, und jetzt sitze ich stattdessen mit diesen Kopfhörern fest".

Von Toden und Betten

Erst eine Woche ist es her, dass man den Rasen des Stadions in Ramat Gan in eine riesige Plattform verwandelt hat, auf der Tausende von Menschen saßen, um den Klängen von Leonard Cohen zu lauschen. Auch hier in Jaffa wurde ein Basketballplatz für das Ereignis umfunktioniert. Ausgerüstet mit einem Kopfhörer steige ich die Tribüne hinauf. Der Anblick ist wunderschön. Zwischen den beiden Basketballkörben, deren Köpfe geknickt herunterhängen, sind Dutzende kleiner Tische aufgestellt, an denen sich die Experten mit den Kunden treffen, die ihre Karte erstanden haben, ihnen zur Begrüßung die Hände schütteln und sich hinsetzen.

Ich suche nach Verlegenheit in den Augen der Teilnehmer, und es ist nicht ersichtlich, wer aufgeregter ist: Der Dozent, der sich zum Volk herablässt oder umgekehrt. Ich nehme den Kopfhörer in Betrieb und stoße auf ein hochinteressantes Gespräch. Allen Plänen und Papieren nach, die ich in den Händen halte, handelt es sich um einen Experten namens Yechiel Bar Ilan, dessen Thema lautet: "Die Kunst des Sterbens - Wie starb man im Mittelalter, und wie stirbt man heute."

Nachdem ich das Treiben unten in der Halle kurz mit den Augen überflogen habe, gelingt es mir Lippen ausfindig zu machen, die sich genau passend zu den Wörtern bewegen, die ich im Kopfhörer höre. Und dann ein großartige Erlebnis: Bar Ilan fällt im Gelände durch den Strohhut auf, den er auf dem Kopf tägt. Er unterhält sich mit einer jungen Frau. "Ich heiße Maya", sagt sie zu ihm, "Darf ich Sie fotografieren?" Bar Ilan: "Zu wechem Zweck?" Maya: "Zur persönlichen Erinnerung."

Von der Tribüne aus sehe ich das Blitzlicht ihrer Handykamera und bin fasziniert von dem Einblick in die intime Begegnung zweier Menschen, die sich zum ersten Mal in ihrem Leben begegnen treffen.

Bar Ilan: "Ich bin Experte für Tode . Was würden Sie gern hören?"
Maya: "Über die Kunst des Todes oder der Betten – mir ist das einerlei. Der Experte bleibt ungerührt -, ich nicht. Ich breche in befreiendes Gelächter aus und blicke mich prüfend unter meinen Nachbarn auf der Tribüne der kabelosen Kopfhörer um. Hatte das sonst noch jemand gehört?

Eine der Angestellten des Festivals tritt an ihren Tisch.
Bar Ilan: "Sagen Sie bitte, kann man uns jetzt auf den Kopfhörern hören?"
Die Angestellte: "Nein, noch nicht. Erst wenn der Gong ertönt."
Bar Ilan wirft Maya einen lächelnden Blick zu: "Gut, dann ist dies der einzige Augenblick, in dem wir ohne Zuhörer reden können."
Der Gong beendet das faszinierende Gespräch und Bar Ilan beginnt, ihr einen Vortrag über das Mittelalter zu halten, während ich zwischen den Gesprächen hin- und herschalte, in der Hoffnung, noch einen interessanten Tisch zu erwischen. Es ist etwas ermüdend. Wie in einem riesengroßen Supermarkt gibt es hier eine Fülle von Artikeln, die ich will - ein Schlaraffenland für Ohren und Augen. Alles ist interessant an diesem Ort, auch die Reaktionen der Menschen auf der Tribüne. Neben mir sitzt ein junges Mädchen namens Anna Demborska: "Ich genieße es sehr. Ich bin extra gekommen, um einen Experten namens Daniel Monterescu zu treffen, Schade, dass man über die Kopfhörer nicht alle Tische hören kann."

Dutzende von Gesprächen werden in der Halle geführt, und das allgemeine Flüstern klingt wie das Summen in einem Bienenstock. Eine Expertin steht auf einem Stuhl und wechselt mit breitem Lächeln Kleider vor den Augen einer älteren Kundin mit versteinertem Gesicht. Die Ergebnistafel der Basketballhalle zeigt die Zeit an, damit alle wissen, wann jede Runde zu Ende ist. Es steht im Augenblick 19:50 zugunsten der Gäste. Der Gong ertönt.

Ich stelle mich wieder in der Warteschlange an, um ein Gespräch mit dem Experten zu erstehen, den ich mir vor einigen Stunden angestrichen habe. Die Menschen um mich herum sind schon wieder verwirrt. "Will mir vielleicht endlich jemand erzählen, was hier eigentlich los ist", ist eine neugierige Stimme hinter mir zu vernehmen. Nir Schoham, der neben mir steht, ist unzufrieden: "Schade, dass ich die Liste der Experten nicht schon vorher im Internet durchgegangen bin. Das erfordert wirklich Vorbereitung."

Gerade, als ich an der Reihe bin, hängt das Mädchen am Schalter wieder das Schild heraus: "Alle Karten ausverkauft". Ich setze sie davon in Kenntnis, dass ich mich nicht von der Stelle rühren werde, bis ich die gewünschte Karte für die nächste Runde bekommen habe. Dies ist doch schließlich ein Markt, oder etwa nicht? "Wenn du mir etwas gibst, werde ich dir eine Karte verkaufen", gibt sie zu verstehen, und ich biete ihr zehn Schekel anstelle der lumpigen fünf an. Sie reicht mir die Karte. "Ich darf Dir die Karte jetzt nicht verkaufen. Wenn man Dich danach fragt, so sag, ich sei durcheinandergekommen", ordnet sie an.

Gegen Ende der Veranstaltung kommt meine Runde an die Reihe. Ich gehe in die Halle unterhalb der zuschauerüberfüllten Tribüne und setze mich einer Person gegenüber, an deren Hemd ein Namensschild mit der Aufschrift: "Hanna Farah, Bürger des Dorfes Bir'im im oberen Galiläa" befestigt ist. Farah ist Künstler und Architekt. Seine Familie war im Jahre 1948 aus dem Dorf Bir'im vertrieben worden, und der Staat Israel hatte in dessen unmittelbarer Nähe das Kibbuz Bar'am errichtet. Ich sehe in seine braunen Augen, die mich aus einem weißen, langen Bart anblicken, und gehe sofort in die Offensive: "Ich wurde in dem Kibbuz geboren, das an das Kibbuz Bar'am angrenzt. Was denken Sie über die Kibbuze, die in der Gegend gebaut wurden. Sind Sie wütend auf uns?"

Farah ist nicht erschrocken. Im Gegenteil: Sofort schießt er zurück und diktiert den militanten Charakter des weiteren Gesprächs: "Die Kibbuzniks sind die größten Schurken, sie sind Heuchler."

Auf dem Computer, den er gebracht hat, zeigt er einen Brief aus dem Jahre 1948, mit dem die Einwohner zur Räumung des Dorfes aufgefordert wurden. Das nächste Bild zeigt das Modell des erneuerten Dorfes, so wie dieses seiner ehrgeizigen Planung nach aussehen soll, wenn es eines schönen und lange herbeiersehnten Tages endlich wieder aufgebaut würde. "Du lebst heute in Tel Aviv, bist künstlerisch tätig und sitzt in den Cafés der Stadt. Willst du allen Ernstes zurück in den Norden und dort auf irgendeinem Berg wohnen?", frage ich ihn, und er antwortet ärgerlich: "Jeder muss das bekommen, was ihm zusteht". Das Gespräch bricht auch nach dem Gongschlag nicht ab, und wir trennen uns mit einem Händedruck von fehlender Übereinkunft. Das einmalige Ereignis ist zu Ende und hinterlässt die Lust auf mehr.

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Das Mädchem am nächstgelegenen Schalter hebt plötzlich eine kleine Karte hoch und ruft: "Vortrag von Michael Gelbert über Militarismus, wer bietet mir 20 Schekel?" Es amüsiert mich zu sehen, wieviele Hände in die Höhe gehen, meine eigenen eingeschlossen.
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Aus dem Hebräischen von Yakhin Chava HaEvri-Chen