____>> Texte
_ _ _>> MobileAcademy Übersicht

Produktion trickstern, halluzinieren und erschöpfen. Der Schwarzmarkt für nützliches Wissen und Nicht-Wissen
Von Bojana Cvejic

Es gibt Projekte, die ein kuratiertes Thema einweihen oder beantworten, und die als kuratorische Wendepunkte einer Ära wirken oder betrachtet werden, beispielsweise die kommende Documenta und die abgesagten Manifesta-Ausstellungen. Und es gibt Projekte, die über einen längeren Zeitraum eine autonome Praktik entwickeln, und obwohl sie nicht in Reaktion auf oder in Antizipation eines Trends ersonnen werden, scheint ihr Auftauchen manchmal durch gegenwärtige kuratorische Interessen verstärkt zu werden.
So etwa der Schwarzmarkt für nützliches Wissen und Nicht-Wissen, der aus einer Reihe von Projekten hervortrat, die Hannah Hurtzig seit 1995 schuf, um mit den Formen von Wissensproduktion und -vermittlung in konstruierten öffentlichen Räumen zu experimentieren. Für eine kurze Darstellung der Geschichte des Schwarzmarkts sollten die Mobilen Akademien erwähnt werden (Bochum 1999, Berlin 2001 und 2004, Warschau 2006).
Auch wenn sie nun mit anderen überall erblühenden Sommerschulen und Akademien in einen Topf geworfen werden, waren sie die ersten, die (un)disziplinierte Workshops und Vorträge, kulturelle Feldarbeit und politischen Aktivismus in einem Event hybridisierten, der seine eigene imaginäre Community schuf.

Aus der "Fakelore"-Akademie, die 2004 in Berlin stattfand, entsprang der erste offizielle "Schwarzmarkt für nützliches Wissen und Nicht-Wissen" als "Die halluzinierte Volkshochschule der Mobilen Akademie mit 100 Experten aus Berlin". Ein Versuch einer enzyklopädischer Systematisierung von "Begriffen und Themen, die in den früheren Mobilen Akademien eine wichtige Rolle spielten", war eine wilde Taxonomie kultureller, künstlerischer, wissenschaftlicher, praktischer, jargon- und meinungsberuhender, diszplinärer und nicht-disziplinärer, anerkannter und klandestiner Gebiete des Wissens - 42 Themen von A wie ‚Aeronautik' bis U wie ‚Urbanismus' in den Sprachen und Dialekten arabisch, bangla, chinesisch, deutsch, englisch, französisch, griechisch, hindi, italienisch, japanisch, niederländisch, plattdeutsch, portugiesisch, russisch, schwedisch, urdu und wienerisch.

Aus drei bereits in der ersten Edition angelegten Elementen - Einzelgespräch zwischen ExpertIn und KlientIn, dreißig Minuten lang, mit einem Publikum dem angeboten wird über Kopfhörer zuzuhören - kristallisierte sich ein Modell, welches Gegenstand einer Diskussion bezüglich mancherlei Agenda sein könnte. Der Grund, weshalb ich über den Schwarzmarkt sprechen möchte, ist das Analysieren der Spezifika seines Formats und seiner Effekte vis-à-vis neuer Formen von Wissensproduktion und ihrer Politiken, und der Rollen, die Theorie im Zeitalter ihrer Performanz annimmt. Die Partikularitäten, die den Schwarzmarkt als neues autonomes Modell produzierten, werde ich Element für Element betrachten.


Einen öffentlichen Raum maschinisieren
Was den Schwarzmarkt von anderen künstlerischen Interventionen unterscheidet, die öffentliche Räume als geschlossen, kontrolliert und vom Konsumismus des Marktes dominiert sehen, ist seine proaktive Annäherung: nicht das ready-made eines Museums, eines Theaters oder einer Akademie zu entdecken, zur Schau zu stellen oder zu importieren, sondern in einer Stadt einen öffentlichen Raum zu konstruieren, der nicht für die Produktion von Wissen autorisiert ist. Hurtzig erklärt, dass ihre Resourcen "Archive und Lesesäle in Bibliotheken, die Börse und Räume mit speziellen Funktionen in nichteuropäischen Ländern" waren, "beispielsweise mobile Büros in Zimbabwe, wo Personen, die des Lesens und Schreibens nicht mächtig sind ihre Geschichte oder ihr Wissen aufschreiben lassen können; ein Brief, eine Anzeige, jede aufzubewahrende schriftliche Information".

Der Typus des öffentlichen Raums, auf den der Schwarzmarkt abzielt, ist der Benutzerraum [i.O.dt.]. Was er mit dem Theater teilt, ist der Bezug auf das antike Forum und eine Mischung aus Performance und Event. Er ist insofern eine Performance, als dass jeder Experte die Position Wissender = Performer annimmt, selbstautorisiert durch den Sprechakt, und alle Techniken des Performens einsetzend - und damit meine ich nicht darstellende Techniken, sondern die linguistische Fertigkeit des Ausgebens, Erfüllens oder Verratens eines Versprechens von Wissen. Der Schwarzmarkt ist insofern weniger eine Performance als ein Event, als dass er sich selbst nicht in Konfrontation mit einem Publikum präsentiert, das Konsens in der Rezeption sucht.
Es gibt keine Zuschauenden, die eine Performance beobachten und auf sie reagieren, sondern alle Teilnehmenden - ExpertInnen, ihre KundInnen und die BeobachterInnen - sind Nutzende, die an der Gestaltung des Events bis zu einem sich unterscheidenden Grad beteiligt sind. Die Intimität der Begegnung an jeder Tisch-Einheit erfordert ein niedriges Stimmvolumen - flüstern und vielleicht auch stottern - so dass der Blick von oben auf 100 Tische in einem Raum sehr wenig Repräsentation bietet, im Sinne von: etwas ähneln/ für etwas stehen/ im Namen von etwas/ oder jemand anderem zu sprechen. Der Schwarzmarkt ist deswegen nur in technischen Begriffen eine Installation, eher in seinem Aufbau als im Genre seiner Präsentation. Er ist eher eine unabhängige Maschine, die einen Raum in einer offenen, unkontrollierten und starken Produktion, Dissemination und Infiltration von Wissen funktionieren lässt. Ich verwende "Wissen" fürs erste aus Mangel an einem adäquateren Terminus und werde die Differenz in dieser Vorstellung weiter spezifizieren.


Geschichten erzählen
Ist diejenige Technologie, welche die Wissensvermittlung im Schwarzmarkt explizit von allen anderen Lernsituationen unterscheidet. Eine Geschichte zu erzählen, löst das Objekt der Übermittlung unmittelbar von einer Disziplin mit einer Geschichte. Desshalb ist der Schwarzmarkt ein Event: seine Raumeinnahme hat nichts mit der Inskription von Differenz zu tun (der politischen Mission des Einschreibens eines anderen Wissens), mit dem Aufspüren oder Archivieren von Spuren ausgelöschter Spuren. Selbst wenn er die Ökonomie von Exzess besitzt, von dépense oder von Verbrauch als Surplus der Signifikation, ist er noch immer ein Handel und keine Angelegenheit von Geschenk oder Tausch. Seine eigene Geschichte zu verkaufen demaskiert einen fundamentalen Gesellschaftsvertrag: es rückt die Geschichtenerzählerin in die offenkundige Position des "perform or else" und den Klienten in eine Position, das Angebot einzufordern. Narration führt weg von den akademischen Methoden des Analysierens, Kontextualisierens, Kommentierens und Verifizierens von Information.

Tatsächlich löst sie Wissen von Information und definiert es mittig zwischen dem, was man als Objekt des Wissens kennt, Studie, Disziplin (savoir) und dem, durch was man subjektiviert wird, wie Erfahrung oder Bekanntschaft (connaissance). Die Wissende ist hier nicht jemand, die eine Liebe zum Wissen hat und deren Wissen notwendigerweise durch eine Institution legitimiert ist, sondern die Wissende kann ein Trickster sein, die nicht nur die dominanten Regimes betrügt, sondern auch Besitz von Territorien nimmt, die ihr nicht gehören oder noch gar nicht existieren und deshalb erfunden werden.


Subjektivierung und Expertise
Falls Subjektivierung nicht nur Identifikaton oder Interpretation des eigenen Standpunktes ist, sondern immer schon eine Transformation ist, indem man etwas zu seinem eigenen macht, in dem man es verfälscht, es vermasselt, ihm seinen eigenen Körper gibt, dann impliziert die Expertise dass eine allgemeine Kondition oder einer Kondition für den general intellect honoriert wird: es gibt immer etwas, das man weiß. Es geht nicht so sehr darum, was man weiß, sondern wie man weiß und was jemandes Fähigkeit zu wissen und das Weiterreichen dieses Wissens an jemand anderen ist. Subjektivierung dreht sich überall um Parteilichkeit und partielle Einsichten, die in der Tat Partizipation auf einer kontingenten Basis ermöglichen. Parteilichkeit sollte auch in Opposition zu "unparteiisch-sein" gelesen werden, d.h. objektiv, unbefangen oder unvoreingenommen. Die Mission des Schwarzmarkts ist es nun nicht, die Menschheit dadurch zu ermächtigen, indem er sie ihre eigene Kapazität realisieren lässt, sondern indem er Potenzialitäten entwirrt, welche die unbestimmte und weniger sichtbare Zirkulation dessen ausmachen, aus was Wissen besteht: Annahmen, Überzeugungen, Meinungen, Gewohnheiten, Fakten, Information, Techniken, etc.

Das Gespräch ist eine Begegnung, die Wissen und Nicht-Wissen in Relation setzt , die Lernen und Verlernen aktiviert, den Unterschied und die Distanz zwischen Ignoranz und Meinung und demjenigen, was als ihr Gegenteil idealisiert wird, erforscht - nämlich Wissen. Hurtzig Luhmann zitierend sollte der Schwarzmarkt pragmatisch als "Werkzeug zum Auffinden von Problemen für bereits existierende Lösungen" verstanden werden.


Themen und ExpertInnen
Beim ersten Schwarzmarkt gab es einhundert Gespräche unter den folgenden Rubriken:
Arbeit
Aeronautik
Aktivismus, politisch
Autoerotismus
Brauch
Choreografie
Dilemma
Dichtung
Erinnerung
Ethik
Erziehung
Geld
Kommunikation
Kartografie
Medien
Meteorologie
Musik, Lied
Musik, Historische Streichinstrumente
Musik, Lärm/Geräusch
Musik, hören
Nirwanaprinzip
Ökotrophologie
Orientierung
Quantenmechanik
Raum
Sprache
Sport
Somatologie
Spiel
Text
Theater
Tiere
Technik, künstlerische
Technik und Körper
Technik, handwerklich
Tourismus
Übersetzung
Urbanismus
Unfall

Alle Rubriken aufzulisten dient dazu zu zeigen, dass die Heterogenität nicht von oben herab als Pool von auszuwählenden und zu beantwortenden Themen choreografiert wurde, sondern dazu, dass die Themen ein Resultat einer nachträglichen Gruppierung der Gespräche waren, wie sie von den ExpertInnen formuliert wurden. Die Formulierungen umfassen eine Vielzahl von Strategien und Taktiken der Selbstbestimmung: von einem direkten Verständnis seines eigenen professionellen Wissens (etwa Timan Muthesius, Geigenbauer, " Historische Streichinstrumente vor 1800 am Beispiel von Viola da Gamba und Viola da Braccio) über scharfe politische Aussagen (etwa Katja Reichhard, Mitbetreiberin des Buchladens pro qm, Künstlerin, kollektive Projekte und Räume zu Urbanismus, Gender, Arbeit - " Techniken der Selbstausbeutung: Arbeitsleben im Differenzkapitalismus"), unerwartete Inkompatibilitäten zwischen Beruf und erklärter Expertise (etwa Quantenmechaniker Alexej Kairetdinow, Dichter, Übersetzer, " Unschärferelation geht ohne Formeln (nicht). Ein Gedankenexperiment aus der Quantenmechanik von einem Philologen erklärt ") oder Percy McLean, Richter, Experte für Menschenrechte, Honorarpräsident der Organisation für holistische Medizin, "Der Weg der Mitte. Gesichts- und Nackenmassage. Theorie und Praxis") zu typischerweise lustigen oder seltsamen Erfindungen (Christof Kurzmann, Musiker, "Wienerisch mit Asterix lernen"; Carmen Bruder, Diplompsychologin, Doktorandin an der TU Berlin, Arbeitsbereich Mensch-Maschine-Interface "Warum Sie nicht schuld sind, wenn Ihr Computer spinnt. Psychologischer Hintergrund bei der Gestaltung technischer Systeme, und was Sie dazu beitragen können").

Gesellschaft durchschneiden
Nach dem ersten Schwarzmarkt, der offenkundig aus einer Assemblage eingeladener ExpertInnen entwuchs, Personen also, die hitherto zur Community der Mobilen Akademie beitrugen, konzipierte Hurtzig die folgenden Editionen des Schwarzmarkts um ein Bündel von Themen herum. Das Prinzip, kein übergreifendes Thema zu bestimmen, um Wissen nach künstlerischen, kulturellen, sozialen oder politischen Interessen zu kuratieren, steckt noch immer in der Ethik des Schwarzmarkts. In der Vorbereitung eines Themas als Forschungsgebiets gibt es aber bestimmte zu verfolgende Prozeduren und Ziele. Kein bestimmtes Thema für einen bestimmten Kontext mit der interpretativen Arroganz von "das ist gut für Dich" aufzwingend, erklärt Hurtzig dennoch ein bestimmtes telos oder zumindest ein Set von Präferenzen und# Kriterien. "Da ich keine talentiere Person bin, arbeite ich auf der Basis von ‚Defizit und Defizienz'. Ich suche nach dem, wovon ich denke, dass es uns fehlt".
Der Schwarzmarkt beispielsweise, der 2005 in Warschau unter dem Titel "ghostly or invisible knowledge" stattfand, schuf Verbindungen zwischen Menschen, Wissen und Erfahrung vor und nach dem Regimewechsel in Polen und präsentierte verschiedene Wege des Entzifferns und Lesens des Prozesses der politischen und ökonomischen Transition und ihrer ghostlines.
Die thematische Richtlinie für diesen Schwarzmarkt war ein Zitat von Heiner Müller: "Das Phantom der Marktwirtschaft hat das Gespenst des Kommunismus ersetzt".

Ein anderes Beispiel illustriert, wie Hurtzig heute nach dem Erhalt eines Auftrags oder einer Einladung vorgeht. Kürzlich danach gefragt, ob sie einen Schwarzmarkt zum Thema des Älterwerdens in Deutschland zu veranstalten, sagt sie: "Auf der Suche nach dem, was neben alten, über ihr Leben sprechende Menschen - was nicht besonders interessant ist - interessieren könnte, begegnete ich dem seltsamen Phänomen gealterter "Forschender", Personen, die sich nach ihrer beruflichen Karriere "kleinen" Themen widmen. Eine Person etwa, die sich 15 Jahre lang nach ihrer Pensionierung der Kirschkernforschung widmet. Es waren Personen, die sich dazu entschieden, etwas zu tun, was sie vorher nicht tun konnten, und da sie selbstbestimmt und nicht institutionalisiert sind, treibt diese ForscherInnen eine Passion zum Wissen an, ohne zu wissen, wer es nutzen würde". Den Forschungsprozess vergleicht man mit einem "Probevorgang, der identisch mit dem Resultat ist - ein Kommunikationsprozess von 2-3 Monaten, in denen man verschiedene Quellen konsultiert, die dabei helfen, einen Kontext zu rehalluzinieren". Um dies zu tun, führt das Schwarzmarktteam einen bestimmten Schnitt durch die Gesellschaft durch, der gänzlich anders als das ist, was interdisziplinäre Forschung genannt wird.

Eine interdisziplinäre Herangehensweise setzt voraus, dass ein Thema als Event im Surplus-Effekt des Verbindens und Vermischens geachteter Disziplinen erscheint. Im Falle des Schwarzmarkts findet die Vermischung entlang der Linien von Monstrosität statt: etwas Bekanntes, Etabliertes oder Verlässliches mit etwas zusammenbringen, das weniger so ist; demnach das Mischen disziplinierter, alternativer, paralleler, erlogener, praktischer, pragmatischer, technischer, erfahrungsbezogener Register von Wissensartikulation als das, was man hat, das, zu was man fähig ist, benutzt, unterrichten kann, lernen oder nur benennen kann. Kurz gesagt bedeutet das, "eine Wissenschaftlerin mit deinem Nachbarn zu kombinieren". Auf diese Weise verhindert man erstens die "üblichen Verdächtigen" oder die "Diskursstatthalter" und zweitens ist das Ergebnis niemals eins, eine Differenz zu dem, was etabliert oder dominant ist und ganz bestimmt kein kohärentes, vereinheitlichtes oder homogenes Set von Expertise, sondern stets eine irreproduzible Konnektivität zwischen Personen, Orten, Erinnerungen und Interessen.


Wohin zu gehen und was zu tun ist
Ein paar Ziele, die dieses Projekt hat: "Mich interessieren die Situationen, in denen es ein kollektives Moment des Lernens gibt, das den Menschen nicht bewusst ist und das potenziell zu Action führen könnte, in dem Enthusiasmus und Halluzination mit dem Unmöglichen entstünde." (HH)
Vielleicht fiel Ihnen auf, dass "Halluzination" eine wiederkehrende Beschreibung ist. Ich versuche zu verstehen, was damit gemeint ist, ob es in der Wahrnehmung oder Partizipation der NutzerInnen oder in einer sozialen Signifikanz des Events liegt. Heute, wo Theorie eine weitere superstrukturelle Entwicklung des Spätkapitalismus geworden ist, die sowohl in den Rhetoriken der Künste als auch in den kreativen Industrien und Geschäftsmanagements liegt, erfordert es tatsächlich einer Kunst, um sie vom Produzieren des intellektuellen Mehrwerts zu instrumentalisieren. Der Schwarzmarkt ist nicht ausdrücklich ein pro-theoretisches Projekt. Er konzeptionalisiert jedoch Wissensproduktion - nicht durch eine kritische Interpretation ihrer Rolle in der gegenwärtigen Gesellschaft, sondern durch Experimentieren, das mit Möglichkeiten und Potenzialitäten konkreter Situationen operiert.

Veröffentlicht: 31 Institut für Theorie der Gestaltung und Kunst, No. 08/09 (Dez. 06) Zürich